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Pessimismus im Trend?

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Die Coronazeit ist ja eine weltweite Krise, die bis tief in den persönlichen Bereich eindringt. Ist das nun ein Anlass für schlimmen Pessimismus? Mein Mail-Counterpart H. Hensel hat mich wieder mal an diese Sichtweise erinnert. Und ich mag sie gar nicht so gerne hören.

Aber einen Effekt hatte es, ich habe sofort nach dem letzten Mailwechsel angefangen zu Lesen, und bin natürlich zur Philosophie und zu den Religionen gelangt! Da tun sich einem ja höllisch tiefe Abgründe auf! Ob ich dem genügen kann? Glaube ich nicht, ich habe einfach zu wenig Ahnung davon. Da bin ich mal voll der Pessimist. Oder ist das vielleicht nur Zweckpessimismus, um hinterher besser dazustehen?

  • Ein Wort vorweg: Die hier gemeinte Art des Pessimismus hat nur am Rande mit der Erkrankung „Depression“ zu tun. Letztere ist eine häufige Erkrankung, die Jede/n treffen kann. Je nach Quelle sollen bis zu 30 % der Menschen zumindest einmal im Leben eine solche Phase durchmachen. Im Unterschied zum Pessimismus leiden schwer depressive Menschen recht unabhängig von äußeren Einflüssen zum Beispiel an Antriebslosigkeit, einer grundlosen Traurigkeit, an Schlafstörungen, an sozialen Einschränkungen, ja eventuell sogar an wahnhaften Vorstellungen.
  • Das Eine ist eine Art Lebenseinstellung, ja fast ein Lifestyle, das Andere eine ernstzunehmende Erkrankung. Also bitteschön, immer fein unterscheiden! Es gibt tolle Formulare im Netz, die die Chance bieten, sich selbst auf einer virtuellen Skala mit den Endpunkten Pessimismus und Optimismus einzuschätzen. Oder standardisierte Depressionsskalen, zum Beispiel die von Hamilton. Ob das hilft?

Pessimismus war schon in der Philosophie der Antike eine weitverbreitete Grundhaltung, beispielsweise bei den Stoikern. Hier ging es unter anderem um Affektkontrolle, die Freiheit von Leidenschaften, um Genügsamkeit und Unerschütterlichkeit. Aber das eigentliche Ziel war, den Platz im Leben, ja sogar Universum auszufüllen. Das darf nicht mit Passivität verwechselt werden. Im Prinzip ist das aber doch eine Art Pessimismus.

Schon Seneca sagte: „Welche Notwendigkeit gibt es, über Teile des Lebens zu weinen? Als Ganzes verlangt es nach Tränen.“

Im Alten Testament 1. Mose 8,21 kann man lesen: „Das menschliche Herz ist böse von Jugend auf.“ Der Sündenfall als christlich-religiöser Begriff ist – wenn man so will – auch eine pessimistische Sicht auf das gesamte Leben. Ich finde das enorm negativ, und meine, das führt zu weit.

Eine Grundhaltung des Buddhismus sei „Alles Leben ist Leiden.“ Dann würde es nur noch um den Rückzug gehen, in die Innerlichkeit, die Besinnung.

Es gibt eine Anzahl von Philosophen, die sich zu dem Thema geäußert haben. Arthur Schopenhauer (1788-1860) war berühmteste Vertreter des Pessimismus in der Philosophie. Immerhin hat er eine Ethik des „Mitempfindens“ formuliert. Jean-Paul Sartre formulierte im Einakter „Geschlossene Gesellschaft“ den markanten Satz „Die Hölle, das sind die anderen.“ Klingt nicht gerade optimistisch.


Und Optimismus, gemeint ist die positiv besetzte ideelle Vorwegnahme einer positiven Entwicklung in der Zukunft, das soll als Lebensphilosophie die Lösung sein? Ohne Zweifel ist es für einem selbst und die anderen ungemein hilfreich, freundlich, offen und kontaktfreudig zu sein. Das Leben gewinnt damit Leichtigkeit, dunkle Wolken werden spielerisch vertrieben. Solche Charaktereigenschaften sind manchen mehr gegeben, anderen weniger.

Wenn aber genereller Optimismus dazu führt, das Risiken nicht gesehen werden, dann könnte er allerdings gefährlich werden. Hier ein paar Sprüche dazu

  • Ich schaffe das schon.
  • Wird schon gut gehen.
  • Etwas Schwund ist immer.
  • No risk no fun.

Denken wir an das Dogma des unbegrenzten Wirtschaftswachtums. Hier wird optimistisch, besser gesagt leichtfertig davon ausgegangen, dass Wachstum ohne Ressourcenbezug, ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt, auf die globalen Lebensverhältnisse, unbedingt anzustreben und die Lösung für alles sei. Wer etwas gegen den Neoliberalismus in unserer Gesellschaft sagt, also den Rückfall in die Frühzeit des Kapitalismus, der wird hart angegriffen, vielleicht als Sozialist oder Kommunist beschimpft (DT). Diese Form des gesellschaftlichen Optimismus ist ungefähr gleichzusetzen mit dem Faustrecht des Stärkeren. Wollen wir das?


Das Leben als tägliche hemmungslose Party – spiegelt das Optimismus wider? Ich glaube, dass das nicht so ist. Vermutlich ist es eher Ausdruck der Langeweile, des fehlenden Sinnes im Leben, einer fehlenden realen Aufgabe, und damit mehr ein Ausweichen. Beispiel hierfür könnte auch der Hang zu immerwährenden weiten Reisen sein, als ob der Lebenssinn in der Ferne zu finden sei. Corona führt uns das vor Augen: Ist etwa die halbe Nation auf der Flucht vor sich selbst?

Und unsere sonstigen kulturellen Aktivitäten, gemeint sind Besuche im Kino, im Theater, beim Konzert, dem Schauspiel, einer Comedy-Veranstaltung, sind die etwa Ausdruck des Optimismus? Coronavirus zeigt uns drastisch, dass es plötzlich mit sehr wenig davon geht. Ich finde, dafür aber viel intensiver.

Was uns mehr bringt, sind die sozialen Kontakte, denn wir sind Menschen. Wir benötigen sie. Ohne Nähe, ohne Gespräche, ohne Austausch durch Gespräche fehlt dem Leben wirklich etwas.


Wenn es nun mit dem Optimismus zu stark wird, wenn wir überschäumend sind in unseren Aktivitäten, wenn unser Fanclub unerwartet groß wird, wenn wir vielleicht die Wirklichkeit verkennen, dann ist eventuell etwas falsch gelaufen. Dann hat diese Form des Optimismus vielleicht sogar einen Krankheitswert, denn das könnte bei wenigen Menschen eine „Manie“ sein, die eventuell behandlungswürdig ist.

Wenn man das Auftreten von DT sieht, könnte man meinen, dass eine derartige Erkrankung vorliegt. Nun gut, bei den meisten wird diese Erkrankung bipolar erlebt. Den zweiten Teil der Erkrankung kenne ich bei DT noch nicht, die Depression. Das wird bestimmt schlimm.

Bei vielen Künstlern oder sonstigen gesellschaftlichen Lichtgestalten kann man dieses Phasenhafte gut erkennen. Ein Maniker ist zeitweise absolut mitreißend, begeisternd, ja unglaublich kreativ. Solange das schwarze Loch der Depression nicht kommt, das schon mal zu Medikamentensucht oder Alkoholabhängiglkeit führen kann.


Wie finden wir nun zu einer Synthese? Das Leben ist meiner Meinung nach nicht nur schlimm, nein, nein, es hat oft sehr schöne Abschnitte. Aber leider, und das wissen wir eigentlich alle, bringt es auch negative Erfahrungen mit sich. Das ist quasi unvermeidbar. Und es gilt, diese Abschnitte zu meistern, denn sie bringen uns irgendwie weiter! Warum meinen wir eigentlich, eine Garantie für „Immer besser, schöner, weiter, angenehmer, reicher“ besitzen zu müssen?


Also doch: Denken wir optimistisch, aber ein bisschen Pessimismus dabei kann nicht schaden, das ist realistisch. Und: Auch Corona geht irgendwann vorbei.

„Jeder lebte schon immer im Paradies, hat es nur nicht gewusst.“

„Wenn man einen Freund hat, … braucht man sich vor nichts zu fürchten.“

Von Janosch, dem Kinderbuchautor

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