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Aus J. Siegemundin, 1708, Lehrbuch für Hebammen

Schicksalsjahre von Johannes Seipp

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen!

Verkürzt nach Hiob 1,21

Im Blog-Beitrag über meinen Vorfahren Johannes Seipp wird erwähnt, dass sich im späteren Leben zahlreiche Schicksalsschläge eingestellt hätten. Ich schildere die Todesfälle von Angehörigen, mit Jahreszahlen, damit man einen Eindruck von der Dichte der Ereignisse gewinnen kann.

So starb seine erste Tochter Katharina 1856 im Jahre ihrer Geburt, Details liegen hierzu noch nicht vor. Es folgte seine Ehefrau Katharina Elisabetha 1883 im Alter von 48 Jahren. Seine Tochter Maria verstarb 1890, seine Tochter Katharina 1897, die Tochter Luise 1900. Die Töchter wurden 32, 33 und 40 Jahre alt. Im Kindbett starben zwei der Töchter.

Ähnliches sieht man, wenn man die Geburts- und Sterbedaten der Enkel sichtet. Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Hälfte der 14 Enkel das 5. Lebensjahr nicht überlebten. Teils starben sie direkt bei der Geburt, manche aber auch später.

Dies entspricht der damaligen Kindersterblichkeit in der Region des heutigen Deutschland. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts besserte sich das. Die Gründe für die hohe Mortalität sind vielschichtig.

Da wir keine genauen Kenntnisse über die medizinische Situation in Großrechtenbach zu dieser Zeit gewinnen konnten, beispielsweise zur Tätigkeit von Hebammen, sollen nun einige allgemeine Angaben erfolgen zu den damaligen Verhältnissen. Mir ist klar, dass dies sehr oberflächlich bleiben muss. Es geht mir mehr um die Lebensverhältnisse damals, nur am Rande um die Probleme der Geburtshilfe.

Es liegen zugrunde:

  • Das Buch der „Chur-Brandenburgischen HofWehe-Mutter“ von Justine Siegemundin von 1708 (in Google Books frei zugänglich)
  • Zeit 10/92 vom 28.2.1992: Säuglingssterblichkeit in Deutschland von 1800 bis heute. Autor war der Historiker Manfred Vasold
  • Eva Labouvie, Beistand in Kindsnöten. Hebammen und weibliche Kultur auf dem Land (1550-1910) ( Reihe Geschichte und Geschlechter 29). Frankfurt a. M./New York: Campus 1999, 431
  • Daniel Schäfer (Hrsg.) Rheinische Hebammengeschichte im Kontext ISBN print: 978-3-89958-944-3 ISBN online: 978-3-89958-945-0 URN: urn:nbn:de:0002-9456 © 2010, kassel university press GmbH, Kassel
  • ZA-Nr.: 8535 Entwicklung der Gesundheitsverhältnisse in Deutschland seit der Industrialisierung, Franz Rothenbacher. In der Datenbank HISTAT der GESIS

Wir sollten bedenken, dass die Geburtshilfe, so wie wir sie heute kennen, noch weitgehend unbekannt war. Geburten fanden fast immer unter häuslichen Bedingungen statt, jeweils unter der Aufsicht von Hebammen. Obwohl diese in früheren Zeiten lediglich durch die Anleitungen ihrer Vorgängerinnen oder die Erfahrungen bei eigenen Geburten qualifiziert waren, gab es zunächst in Frankreich, aber später auch in den Grenzen des heutigen Deutschland eine systematische Ausbildung zur Hebamme, wenn auch häufig nur für ein halbes Jahr. Die preußische Statistik nannte in der zweiten Hälfte des 19. Jh. sieben tätige Hebammen pro 10.000 Einwohner auch in unserer Region. Deren Aufgaben endeten meist, wenn Geburtskomplikationen wie Blutungen oder schwierige Kindslagen auftraten.

Das war der Grund, einen in der Geburtshilfe erfahrenen Arzt zu rufen, dessen Qualifikation noch bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts manchmal zweifelhaft war. Musste doch das klinische Fach „Geburtshilfe“ an den nicht verheirateten Müttern zunächst lernen, und das in Abgrenzung zu den Hebammen. Die Krankenhaussterblichkeit dieser unglücklichen Mütter war deswegen erschreckend hoch, bis zu einem Drittel.

Ignaz Semmelweis hatte ja erst 1847/48 in Wien seine aufrührerische These der Ursache des Kindbettfiebers aufgestellt, nämlich die Übertragung durch die Hände des Arztes. Bis zur Akzeptanz in der Wissenschaft war es aber noch ein weiter Weg von mehreren Jahrzehnten. Er bezahlte für die Kühnheit, die einen Angriff auf die medizinischen Koryphäen seiner Zeit darstellte, vermutlich mit seinem eigenen Leben.

Auch hatte 1840 Jakob Henle als der Lehrer von Robert Koch die Grundlagen der Postulate für infektiöse Erreger erstmals formuliert. Friedrich Loeffler war es 1883, der sie als Postulate so formulierte, wie wir sie heute kennen. Man konnte die Erreger ja nicht sehen, es brauchte logische Schritte, um die Pathogenität zu beweisen. Und bis zum Einsatz von Antibiotika war ja noch ein jahrzehntelanger Weg. Bis dahin gab es nur die Möglichkeiten der Asepsis, den Expositionsschutz, und die Verbesserung von Ernährung und Sozialstruktur. Eine Ausnahme ist vielleicht die Credé-Prophylaxe. Die Medizin hatte keine Antwort für die meisten Infektionskrankheiten, Kinderkrankheiten waren bedrohlich. Erst COVID-19 hat uns dieses Gefühl der Ohnmacht wieder spüren lassen.

Ein weiterer Aspekt der damals hohen Kindersterblichkeit war die unzureichende Ernährung. So war einmal die Stillhäufigkeit ungewöhnlich niedrig, regional manchmal unter 30 %. Und das in einer Zeit, in der das Trinkwasser häufig mindere Qualität hatte. Stattdessen erhielten die Säuglinge eine gesüßte Pampe aus Kuhmilch, wenn sie denn verfügbar war, und Mehl. Diese künstliche Nahrung war natürlich bakteriell kontaminiert und säuerte deswegen schnell. Im Sommer bei erhöhtem Flüssigkeitsbedarf starben die Kinder viel häufiger. Die Vernachlässigung war ein weiteres Problem, da die jungen Frauen, auch die Bäuerinnen, zumeist schwer arbeiten mussten. Ihre Kinder waren häufig stundenlang sich selbst überlassen. Die Unterernährung der Mütter selbst kam erschwerend hinzu.

Dadurch war die Kindersterblichkeit umgekehrt korreliert mit der sozialen Situation: Je wohlhabender, desto geringer die Kindersterblichkeit.

Noch ein Wort zu Müttersterblichkeit, die nach der preußischen Statistik bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bei 40 pro 10.000 Einwohner lag (eine ungewöhnliche Angabe finde ich, dazu auch viel höher als für Tuberkulose oder Arbeitsunfälle). Man kann sagen, dass für die Mütter selbst ein erhebliches Sterberisiko bei jeder Geburt bestand. Ich zitiere Herrn Vasold:

„Den Männern waren die Nöte einer schwangeren Frau ziemlich gleichgültig. „Kühverrecke, großer Schrecke; Weibersterbe, kein Verderbe“, sagte man im Hessischen. Die Frauen arbeiteten bis kurz vor ihrer Niederkunft auf den Feldern mit.“

Hoffen wir, dass es in unserem Falle nicht so war. Aber auf jeden Fall waren die bäuerlichen Familien Zweckgemeinschaften. Für Liebesheirat und Romantik, so wie das heute als wünschenswert angesehen wird, blieb da wenig Raum. Wenn die Ehefrau früh starb, meist bei einer Geburt, dann musste sich der Witwer möglichst schnell wieder verheiraten, schon wegen der kleinen Kinder, aber auch wegen der umfangreichen Arbeit.

Schauen Sie auf das Bild der Familie um Johannes Seipp: Lustig war das damals bestimmt nicht, die beiden jungen Mütter auf dem Bild waren um die 30 Jahre alt zum Zeitpunkt der Aufnahme, sie sehen hager aus, wirken sehr viel älter. Eine stolze Bauernsippe ist da insgesamt nicht erkennbar.

Man gewinnt somit Verständnis für die Person Johannes Seipp. Und das war das Ziel des Blogs. Wenn auch seine Notizen noch viele Details hinzufügen könnten!

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