You are currently viewing Atzbach – Lahnau

Atzbach – Lahnau

Landschreibergasse 2

Wo liegt dieses Atzbach eigentlich? Es ist der kleine Ort Atzbach in Mittelhessen gemeint, ein Dorf am Rande des Gießener Beckens, sonnenverwöhnt auf der ersten Anhöhe gelegen, mit einem markanten Felsen am östlichen Ortsrand. Von diesem Felsen aus hat man einen wunderbaren Blick ins Umland. Der Ort wurde mit dem Namen „Ettisbach“ schon 774 im Lorscher Codex erwähnt.

Soweit ich mich erinnern kann, hat der ursprünglich bäuerlich geprägte Ort nicht besonders fruchtbare Äcker. Ein Flurname „Stein“ beschreibt dies genau. Im nördlichen Anteil des Ortes beginnen ausgedehnte Wälder. Der höchste Punkt des Ortes ist mit 348 m der sogenannte „Königstuhl“, ein Hügel mit kleinem zentralem Basaltkegel eines erloschenen Vulkanes. Ein Ringwall spricht für die Verwendung der Bergkuppe bereits in keltischer Zeit.

Königsstuhl 348 m

Eigentlich wollte ich bloß einen Text zu meinem Geburtshaus Landschreibergasse 2 in Atzbach schreiben, über das schöne sehr alte Fachwerkhaus, das mein Großvater von seinem Erbteil erworben hatte. Ein Bild davon hing fast wie eine Ikone links neben dem Klavier meiner Eltern. Dessen schöner Gebäudevorsprung im Obergeschoß musste 1933 weichen, da die Dreschmaschine, die damals noch von Bauernhof zu Bauernhof gebracht wurde, nicht durchpasste.

Landschreibergasse 2 in Atzbach vor ca. 1933
Landschreibergasse 2 heute

Bei diesem Haus handelt es sich nicht nur um das Geburtshaus meiner Mutter, auch mein Bruder wurde hier geboren, wie auch ich. Alles dort ist emotional hoch aufgeladen. Ich habe das völlig unterschätzt, das muss ich zugeben. Als ob das Haus selbst einen Einfluss auf die Geschichte hätte! Fast metaphorisch wird die Landschreibergasse auch „Sackgass“ genannt, da es am südlichen Ende nicht weiter geht.

Natürlich lässt es sich leicht über den heißen Sommertag des 18.8.1772 phantasieren, als Goethe auf dem Weg von Wetzlar nach Gießen auch durch Atzbach kam, und darüber sinnieren, wo er hier wegen eines nahenden Gewitters denn eingekehrt sein könnte. Ich träume jedenfalls gerne davon, dass er auch in meinem Geburtshaus zu Gast war, denn es handelte sich ja um den Wohnsitz des Landschreibers des von 1734 bis 1849 bestehenden Amtes Atzbach.

Landschreiberei oberhalb des Gewölbekellers, Scheune darüber

Dies war eine staatliche Verwaltungseinheit für bis zu 27 Orte. Sie umfasste ein repräsentatives Amtsgebäude, ein Gefängnis, also das 1973 abgerissene Stockhaus und noch ein weiteres Wohnhaus in der Landschreibergasse, nämlich die Nummer 5. Über dem zu meiner Zeit für die Rübenlagerung genutzten Gewölbekeller an der Ostseite des Gehöfts Landschreibergasse 2 kann ich mich an zwei größere verputzte Räume erinnern, die auch als Schreibzimmer nutzbar gewesen wären. Jedenfalls hatten diese Räume nichts mit einer normalen Scheune zu tun, sie wurden in meiner Jugend als Hühnerstall genutzt. Ich stelle mir gerne vor, dass Goethe hier mit dem damaligen Landschreiber in seinem Büro angestoßen hat! Mal an etwas anderes denken als an Charlotte Buff! Prosit!

Landschreiberei über Gewölbekeller, mit Scheune aufgestockt

Doch kommen wir zurück zur Realität. Denn die Erinnerung ist nur am Anfang romantisch. Wenn ich mich nun zunehmend den Details der Erinnerung stelle, dann ist es schnell vorbei mit der Verklärung. Natürlich versuche ich gerne nochmals, mir an die schönen und unkritischen Momente der Kindheit vor Augen zu führen.

Gerne erinnere ich mich an das Füttern der Hühner auf dem gepflasterten Hof, den Gang durch den Kuhstall. Ohne jede Angst soll ich unter den Kühen hergelaufen sein. Ich erinnere die Schwalbennester im Stall, den großen Misthaufen davor, die Jauchegrube, den Abtritt, die hohe Scheune, den Staub darin, den Rübenkeller mit der „Brockmaschine“ davor, den Schweinestall mit echt viel Gestank, den Pferdestall, das nervöse Pferd „Zilla“, den Pluggskänn (Pflugkarren).

Mein wortkarger und mürrischer Großvater fällt mir ein, typischer Spruch von ihm: „Gieh merr aus de Feußs“, darauf ich angeblich „Obba, so schwätzt mer net med de Kenn“ Ich kann sehr heiße Sommertage nachempfinden, da war ich als Kind mit im Feld. An zähes „Solwerflaasch“, also in Salzlake eingelegtes Fleisch. Nicht lecker. In Erinnerung ist mir natürlich noch meine dünne Großmutter, beinahe immer streng blickend.

Da fällt mir sogar eine Wanderung mit meinem Freund Heinz ein entlang des Baches Atzbach bis weit ins Feld. Ich kannte mich damals schließlich gut aus. Die Erwachsenen hatten schon Verlustmeldungen ausgegeben, als wir wohlbehalten wieder auftauchten. Ich sei da ein erst drei Jahre alt gewesen, und offensichtlich überhaupt nicht ängstlich. Anders als mein Freund Heinz, den ich immer abgeholt habe, um zusammen mit ihm zum Kindergarten zu gehen. Der Kindergarten war für mich allerdings ein Reizthema, denn ich mochte die schrille Stimme der Kindergärtnerin nicht. Was sollte ich überhaupt dort, wo es doch zu Hause viel spannender war?

Meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und ich bewohnten 2 Zimmer im ersten Stock des westlichen Anbaus. Unter uns lag die Werkstätte mit Werkbank, Schraubstock und Amboss, weiterhin viel Gerümpel. Daneben befand sich der Pferdestall, wieder mit Gewölbe. Und in dieser einfachen Wohnung im ersten Stock wohnte ich bis zu meinem 5. Lebensjahr, bis zu Fertigstellung des Wohnhauses meiner Eltern 1956. Mein Spruch zum Einzug dort: „Hey bleiw ich net, hey gebt’s jo go koa Dejer!“ Übersetzt heißt das: „Hier bleibe ich nicht, hier gibt es ja gar keine Tiere!“

Landschreibergasse 2, Anbau über Pferdestall und Werkstatt

Für mich bedeutete der hessische Dialekt, dass ich in der Schule Hochdeutsch erst neu lernen musste. Dialekt wird heute schon mal positiv gesehen, als ein Merkmal der persönlichen Identität. Ich bin da aber skeptisch, denn es muss heute ein in der Öffentlichkeit positiv besetzter Dialekt sein, wie bayerisch, schwäbisch oder kölsch. Aber harter mittelhessischer Dialekt, mit heftigem R mit gerollter Zunge?

Ich glaube nicht, dass dieser Dialekt einem den Weg öffnet, wenn man beruflich erfolgreich sein möchte. Volker Bouffier spricht Dialekt nur stark abgemildert. Markus Söder, Winfried Kretschmann und Karl Lauterbach haben eher kein Problem damit, hier ist ihr Dialekt ihr Markenzeichen. Aber stellen sie sich vor, wenn ein hessischer „Bub voom Doorff“ lateinisch dekliniert „Urbs, urbis…“ Das RRRRR ist einfach krass. Da die sprachliche Prägung in den ersten vier Lebensjahren stattfindet, ist mit dem „RRRRR“ kaum noch etwas zu machen.

Wird fortgesetzt…

Schreibe einen Kommentar

* Verwende bitte ein für mich aussagekräftiges Pseudonym und lasse die weiteren Angaben weg! Verzichte bitte auf Links, da Sicherheitseinstellungen den Beitrag dann als Spam einstufen würden. Die IP-Adresse wird automatisch anonymisiert.