Der Arzt als eigener Patient

Hippokrates

Hippokrates in Baumeister: Denkmäler des klassischen Altertums. 1885. Band I., Seite 694. / Public domain

Als Arzt ist man ein Halbgott und weiß es! Und dann hat man auf einmal Normabweichungen wie RR, Cholesterin oder Vitamin D. Was nun? Man hat ja sämtliche Informationsquellen zur Verfügung, und früher ziemlich gute Noten, man weiß sozusagen Alles. Oder auch nicht. Und dann noch diese verdammte Ambivalenz. Soll man sich drum kümmern oder nicht?

Welcher Blutdruckwert ist denn nun normal? Soll ich streng einstellen oder nicht? Statt Nebenwirkungen von Medikamenten echte Gefahren in Kauf nehmen? Oder etwa ständig den Blutdruck messen, bis er schon aus Panik ansteigt? Na klar, im eigenen Alter hat man ein kardiovaskuläres Ereignisrisiko in den nächsten 10 Jahren von sagen wir mal 12 %. Wenn alles komplett normal ist. Und in der eigenen Situation gut 20 %. Was ist aber mit der Einnahme von protektiven Medikamenten? Senken die das Risiko auf den Wert von „Gesunden“. Das würde ja bedeuten, dass es in meiner Altersgruppe Interventionsstudien mit den Zaubermedikamenten über lange Zeiträume geben müsste. Tut es aber nicht.

Warum also diese Medikamente schlucken? Um sich besser zu fühlen? Oder um die Schicksalsgötter gnädig zu stimmen? Um dann, wenn es einem erwischt, wenigstens sagen zu können: Ich bin nicht schuld dran.

Hey, haben Sie schon mal die rote Haut und den Kopfdruck unter Amlodipin gehabt? Oder schlimmer noch, mächtige Ödeme der Beine darunter? Ein unverzeihlicher Fehler wäre gewesen, jetzt noch zusätzlich ein Diuretikum zu nehmen. Den Teufel sozusagen mit Beelzebub auszutreiben.

Oder das allseits geliebte Ramipril. Das war lange gut verträglich, Blutdruck super, kein Reizhusten. Aber dann plötzlich eine mächtige Urtikaria, mit beginnendem angioneurotischem Ödem. Die Zunge wurde ganz schön dick! Und 10 Tage später das Gleiche nochmal, trotz Therapiepause und dosisreduziertem Neustart. Was macht Arzt? Er saust zur Apotheke und holt Cortisontabletten. 3 Tage genommen. 3 Wochen später dann ein Herpes zoster. Zum Glück war der nicht schmerzhaft bisher, heilte auch rasch ab.

Und die Cholesterinsenker in der Primärprävention: Soll man oder soll man die nicht schlucken? Hallo, ich hatte mächtige Muskelschmerzen und -schwäche unter 20 mg Atorvastatin. Ich konnte nur mit Mühe eine Treppe steigen, hatte einfach keine Kraft. Durch Wechsel auf Simvastatin ist das nun besser. Bei aller Subjektivität, sicher bin ich mir trotzdem nicht, ob gar keine muskulären Störungen durch Simvastatin erzeugt werden. Wenn man in die Literatur schaut, wird einem das Gefühl vermittelt, dass das Stellen der Frage nach der Myopathie unter Statinen schon der Fehler und eigentlich ungehörig sei. Alles nur Hypochonder? Gut designte Studien dazu gibt es nicht viele. Trotz der enorm weiten Verbreitung dieser Therapie. Augen zu – runter damit. Und wenn es wieder weh tut, ein paar Tage Einnahmepause.

ASS oder Acetylsalizylsäure ist zu Zeit als reines Protektivum out. Wenn ich da zurückdenke, da hatten wir schon mehrere wechselnde Phasen darüber.

Vitamin D, noch so ein Kandidat in der protektiven Gesundheitsdiskussion. 13400 Treffer mit „Vitamin D supplementation“ bei PubMed. Das war mal total hip, sodass es in der Apotheke ausverkauft war. Aber ich glaube, das ist nur ein Hype. Die Daten der WHI-Study warten ihrer in dieser Hinsicht auf ihre Auswertung. Jedenfalls stehen meine Vitamin-D-Tabletten ungeschluckt im Schrank. Und hin und wieder mal die 50er-Sonnencreme weglassen, den Sonnenschalter, das erscheint mir logischer.

Ambivalenz wohin man schaut! Ich bin als mein eigener Arzt ganz schön in der Zwickmühle! Und es gäbe noch viel mehr zu berichten.

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