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Muttertag

Leider war der ursprüngliche Inhalt etwas zu schroff geraten, sodass ich den Beitrag komplett überarbeitet habe. Es gibt für mich keinen Grund mehr, am Muttertag offene Rechnungen mit meiner Mutter Martha zu präsentieren. Sie war ein realer Mensch mit Stärken und Schwächen. Und ist sich selbst immer treu geblieben. Respekt davor!

Ich hatte vorher die implizite „Mütterverehrung“ des Muttertages ins Visier genommen, als ob Mütter Heiligenstatus hätten. Dass es ein Tag ist, der politisch besetzt wurde, versteht sich beinahe von selbst. Ich denke an die Geschichte mit dem Mutterkreuz in der Nazizeit. Mir gefällt auch nicht, dass der Tag von der Blumenindustrie als Tag des schlechten Gewissens inszeniert wird.

Der Muttertag passt sehr gut zum alten Rollenbild: Die Mutter opfert sich für Haushalt, Kinder und Familie auf, der Vater kümmert sich um das Familieneinkommen. Wieso der Muttertag ein so positives Images hat, der Vatertag dagegen eine Groteske ist, der den Vater als lächerlichen Säufer darstellt, das bleibt mir total verborgen.


Ich erinnerte mich an meinen Powerpoint-Vortrag, den ich beim Achtzigsten meiner Mutter gehalten habe. Das war 2004 eine große Veranstaltung mit mehr als 100 Besuchern. Natürlich auch mit viel Gesang, noch mehr Kaffee und Kuchen, und sehr vielen Gesprächen.

Denn Singen war das, was sie am liebsten mochte, neben der Beschäftigung mit der Familie und ihren unzähligen Verästelungen. Auf dem Laufenden bleiben, sich für andere zu interessieren, freundlich die zahlreichen Kontakte zu pflegen – das war ihre große Passion. Es war schon sehr beeindruckend. Man konnte viel von ihr lernen.


Sie wurde in eine typische mittelhessische Bauernfamilie hinein geboren, und hatte die „Dominanz der Scholle“ damit von Geburt an verinnerlicht. Die Familie war pietistisch geprägt. Dennoch wurde die Integrität der Familie durch die Nazizeit gestört. An deren Ende stand Marthas Vater vor einem persönlichen Scherbenhaufen, der Älteste starb im Krieg, große Heilserwartungen waren im Nichts geendet, und man fühlte Mitschuld.

Martha musste die Strenge der eigenen Mutter und später die „Eskapaden“ des eigenen Bruders ertragen. Im Hinblick auf Berufswünsche blieb ihr nichts übrig, als die eigenen Neigungen hintanzustellen. Viel arbeiten im eigenen Haushalt, dazu auch in der Landwirtschaft des Bruders („Scholle“). Darüber hinaus vier eigene Kinder aufzuziehen – das war insgesamt schon etwas. Zusätzlich absorbierte die Selbstversorgung mit Früchten des eigenen Gartens viel ihrer Zeit. Der eigene Mann praktizierte – wenn auch meist relativ fair – das traditionelle Rollenverhalten.

Erst spät wurde ihr eine persönliche Anerkennung zuteil, auch als sie Geschäftsführerin der Lang GmbH & Co. KG wurde. Sie hatte in technischen und kaufmännischen Details zwar nichts zu melden, aber ihre Unterschrift unter die zahlreichen Verträge des Unternehmens war gefragt. Nach dem Tode ihres Mannes, dessen intellektuelle Schärfe bemerkenswert war, konnte sie ihre durch Emotionalität und Sensibilität geprägte Denkweise endlich anwenden. Sie war dadurch eine sehr wichtige Gesprächspartnerin für eine ganze Reihe ihrer Bekannten. Bis fast zuletzt. Bemerkenswert war, dass sie mit höherem Lebensalter zunehmend toleranter wurde für andere Lebensentwürfe.

Ich habe mal in einer großen Veröffentlichung eines amerikanischen religiösen Historikers gelesen, der umfangreich auch in Nordhessen geforscht hat. Seine zentrale These war, dass sich seit dem späten Mittelalter im bäuerlichen Nordhessen eine sogenannte „Communal Christianity“ entwickelt hat, nahezu unabhängig von der dort gerade herrschenden politisch verordneten Konfession. Ein interessanter Gedanke. Er passt jedenfalls sehr gut zu meiner Mutter, die sich in den aktuellen religiösen Diskurs nie eingemischt hat. Sie war auch nicht empfänglich für Sektierertum und amerikanischen Fundamentalismus. Wie erwähnt, entwickelte sie später eine erstaunliche Toleranz für divergente Lebensentwürfe. Irgendwie ruhte sie mit ihrer Religiosität in sich selbst. Egal ob R. Bultmann, Pfarrer Dütge, EG oder B. Graham. Auch das war beeindruckend.

D. C. Mayes, „Communal Christianity: The Life and Loss of a Peasant Vision in Early Modern Germany“, 2004

Doch nun der Link zum Vortrag, als PDF-Dokument eingebunden. Erwähnenswert ist, dass die Texte im Vortrag meist von ihr selbst stammen. Ich hatte sie damals vorher interviewt.

Hier ein Tondokument von Martha.
Siehe auch „Liebes Diktiergerät!“.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Ingrid Ho

    Ich bin mal ein bisschen spitzfindig. Es ist heute kein Privileg der Männer mehr, Chefarzt werden zu können, und das ist gut so. Auch bei Männern ist Bildung dafür unerlässlich, trotzdem werden nur die wenigsten Chefarzt. Und das ist auch gut so. Privileg der Frauen ist es allerdings nach wie vor, Kinder bekommen und stillen zu können, und ich halte mich eben deswegen für privilegiert. Und für die angemessene Betreuung und Förderung der Kinder ist Bildung auch unerlässlich. Das dürfte ruhig noch etwas tiefer ins gesellschaftliche Bewusstsein eindringen.

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