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Jetzt oder damals: Was ist wichtiger?

Schwelgen in Erinnerungen?

Seit März 2020 habe ich eine ganze Reihe von Blogeinträgen zur Familiengeschichte geschrieben. Dabei kam mir Manches reichlich nostalgisch vor. Als ich die Artikel über Johannes Seipp geschrieben hatte, kamen mir sogar Zweifel darüber, ob ich der richtige Autor dafür bin. Ich, der sich relativ klar von der fundamentalistisch-religiösen Ideologie gelöst hat, schreibe über den Familienpropheten.

Na so etwas! Warum schreibt denn nicht ein anderes Mitglied der weitverzweigten Sippe, das noch dazu voll auf Linie ist? Besteht etwa kein Interesse daran? Hat da jemand Sorge, es könnten bei der Beschäftigung mit der Familiengeschichte mehr Fragen als Antworten entstehen? Nichtmal die lokale Gruppe EG-CVJM Rechtenbach nennt den Namen unseres Familienpropheten auf ihrer Webseite! Ich habe dort gar keinen Eintrag zur Geschichte der EG in Rechtenbach gefunden. Wie kommt das? Na gut, zugegeben, die Evangelische Gesellschaft positioniert sich heute ja auch komplett anders als im Jahre 1848. Aber gar nichts schreiben?

Als ich mich in Folge der obigen Aktivitäten mit Hanna Faust aus Wuppertal beschäftigte, habe ich mir antiquarisch über ZVAB eine Biografie über die christlich-soziale Pionierin besorgt. Da Buch war – kaum bestellt – auch schon da. Anschließend habe ich etwas in dem vergilbten Buch geblättert. Eigentlich war ich auf der Suche danach, wie sich das Elendstal später weiter entwickelt hat. Aber das Buch bleibt mehr bei Tante Hanna, also beim Thema.

Und plötzlich war es da, das Schlüsselerlebnis: Ich – ja ich selbst – lese in einem Buch, das genau in das Schema meiner Mutter gepasst hätte. Ihre Lieblingslektüre waren nämlich Lebensgeschichten frommer Frauen!

So weit kommt es, wenn man die Vergangenheit aufarbeiten möchte!

Ich gebe zu, dass mir die Beschäftigung mit der Vergangenheit meiner Familie nicht nur Spaß macht. Man wird dabei selbst mit dem Älterwerden konfrontiert. Es gibt einige heikle Bereiche, die ich bisher weitgehend gemieden habe. Zur Familie meiner Mutter habe ich bisher nichts produziert außer einem harmlos-netten Artikel über Atzbach, noch dazu mit meinen Kinderaugen gesehen. Ich könnte aber auch mal etwas schreiben über die Agels im Dritten Reich, die Folgen des Verlustes der Heilserwartung, Familie und Ende der Nazizeit, über die Geschwister meiner Mutter, hier insbesondere Friedrich. Meine Schwester Ingrid meint, ich solle das besser lassen. Irgendwann mach‘ ich’s doch.


Warum soll man sich mit der Vergangenheit beschäftigen, wo wir doch in der Gegenwart leben? Ich denke, dass in der Vergangenheit häufig die Wurzeln für die heutigen Verhältnisse zu finden sind, und das gilt gerade auch im Privaten. Oder wollen wir den Zweiten Weltkrieg, die Nazizeit, die Millionen Toten und den Holocaust ignorieren, weil das alles in der Vergangenheit stattfand? Diese Denkmale der Schande sollten wir nicht vergessen. Oder soll der böse Satz stimmen:

„Wir lernen aus der Geschichte, dass wir nichts aus ihr lernen!“

G. F. Hegel

Es ist schon klar, das heute andere gesellschaftlich und politische Probleme bestehen als früher. Und früher war auch nicht alles besser, der Spruch stimmt einfach nicht. Wir leben derzeit in einer erstaunlich langen Phase der politischen und gesellschaftlichen Stabilität in Deutschland. Diese hat gute Lebensverhältnisse, ja Wohlstand für sehr viele gebracht! Dass diese Situation durchaus fragil sein könnte, wird dabei schon mal vergessen. Die Corona-Pandemie hat uns das wieder drastisch vor Augen geführt.


Ich habe mir überlegt, dass ich in Zukunft Beiträge zu Themen aus der Vergangenheit etwas seltener produziere. Vielleicht kommen somit demnächst wieder mehr Themen der Gegenwart. Obwohl, ich habe noch nichts über meine Kriegsdienstverweigerung mit der Waffe geschrieben, und wie ich völlig naiv in die Verhandlungen getappt bin. Zu wirklich kritischen Dingen in der eigenen Familie ist bisher von mir nichts verfasst. Und die Verwerfungen um die Familie Förster würden auch genügend Stoff für eine eigene Familiensaga à la „Dornenvögel“ hergeben.

Doch gemach, gemach. Ich bin ja im Ruhestand.

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