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Deutsche Fotothek Public domain via Wikimedia Commons, aus einem historischen Ratgeber über Kindererziehung

Ist das System Michael Winterhoff am Ende?

Neues aus der Schwarzen Pädagogik

Zeitgleich zu meinem Blogbeitrag „Zeit der Familie“ gab es eine Reihe von Veröffentlichungen zum obigen Bestsellerautor. Warum bezeichnet ihn der Rezensent der Zeit (M. Spiewak, „Pädagogik zum Gruseln„) als „Thilo Sarrazin der Pädagogik“? Wer ist das überhaupt?

M. Winterhoff ist ein in eigener Praxis in Bonn niedergelassener Kinder- und Jugendpsychiater. In den Minimalzeiten hat er das Medizinstudium, die Spezialisierung in der Psychiatrie absolviert und sich niedergelassen. Seine Promotion sei 1984 erfolgt, das Thema wird nicht genannt. In PubMed finde ich keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen von ihm. Was ihn somit qualifiziert, Bücher über Pädagogik zu schreiben, bleibt mir definitiv verborgen. Hier geht es zum Wikipediaeintrag.

Seit 2008 hat er etwa 11 Bestseller für Laien verfasst, mehr als 1,3 Mio. seiner Bücher wurden verkauft. Er war gern gesehener Gast in den TV-Talkshows. Frank Plassberg hat ihn sogar als „König der Bestsellerautoren“ tituliert.

Hier einige Titel seiner Bücher:

  • Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden: Die Abschaffung der Kindheit
  • Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut
  • Die Wiederentdeckung der Kindheit
  • SOS Kinderseele
  • Tyrannen müssen nicht sein
  • Mythos Überforderung: Was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten
  • Persönlichkeiten statt Tyrannen
  • Moderne Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Die Inhalte dieser Bücher sind weitgehend austauschbar und vergleichbar. Die öffentliche Kritik zielt darauf ab, dass keine einzige seiner Thesen wissenschaftlich begründet sei. Alle Aussagen wirken plakativ. Schon eineinhalbjährige Kinder würden ihre Eltern tyrannisieren. Er verwendet die Diagnose des frühkindlichen Narzissmus, die von ihm fast regelhaft gestellt wird. Obwohl es diesen nach Ansicht von Fachleuten nicht gibt.

Eine weitere seiner typischen Diagnosen ist die pathologische Symbiose von Eltern und Kindern. Es drohe die Bildung falscher Partnerschaften. Nicht Empathie und Verständnis sei gefragt, sondern Fordern, ja Gehorsam.

Kinder hätten bis zum Alter von 8 Jahren gar keine Persönlichkeit. Kinder würden Grenzen benötigen, man müsse sie auflaufen lassen. Hier bedient Winterhoff Erwartungshaltungen in bestimmten Teilen der Gesellschaft, bei Eltern Einrichtungen und Verbänden.

Die Erziehung vereinfacht sich dadurch maximal, wenn man den Kindern die Schuld an ihrem Verhalten selbst anlasten kann. Die Ratgeber verbreiten eine düstere Stimmung, als ob das Ende nahe wäre. So ein Denken gab es schon in der Antike.

In einem Film der ARD vom 11.8.2021 schildert die Autorin Nicole Rosenbach in „Warum unsere Kinder keine Tyrannen sind“ die direkten Erfahrungen vieler Betroffener. Zusätzlich gibt er Einblicke in das System Winterhoff, der ja Berater vieler Einrichtungen und Verbände ist und auch als Gerichtsgutachter fungiert. Andere Meinungen und Kritik lasse er über juristische Mittel und durch seine Vernetzung unterdrücken. Er ist zeitgleich für mehr als 30 Einrichtungen und in eigener Praxis tätig.

Wie schafft er das alleine rein zeitlich? Im WDR-Film ist von 3-Minuten-Medizin die Rede. Und das in der KJP, wo Gespräche im Vordergrund stehen, eigentlich! Er dokumentiere seine Beobachtungen bei den jungen Patienten nur handschriftlich auf Papier, was deren fachliche Überprüfung natürlich erschwert.

Besonders betroffen macht mich vor allem die Schilderung, dass in den Einrichtungen auf Verordnung von Winterhoff bei Kindern das alte sedierende Neuroleptikum Pipamperon in großem Umfang eingesetzt wird. Das macht die Klienten müde, gedämpft, schläfrig. Kinder würden dadurch zu welken Pflanzen, hat ein Kritiker geschrieben. Für die Einrichtungen ist das allerdings super. Die Führung der Kinder vereinfacht sich somit erheblich, die Gesamtkosten sinken. Nur wenige Verbände haben sich bisher eindeutig von Winterhoff distanziert. Die Situation ist denen bestimmt peinlich.

Es ist kaum zu glauben, dass heute eine solche reaktionäre Denkweise noch durchgeht. Dass man mit so etwas Bestsellerautor werden kann! Dass unsere TV-Talkshows so jemandem eine Plattform bieten! Denn es handelt sich hier schließlich die Neuauflage der schwarzen Pädagogik. Über die Prügelstrafe habe ich im vorangehenden Blogbeitrag geschrieben. Die Gewalt wird im System Winterhoff allerdings vorwiegend durch die Sedativa ausgeübt. Die rauben den Kindern ihre Vitalität.

Als Spätachtundsechziger (abwertend auch „Boomer“) erinnere ich mich an Franco Basaglia, der auf die katastrophalen Zustände in der italienischen Psychiatrie aufmerksam machte. In der Folge wurden diese Einrichtungen tatsächlich geschlossen. Im System Winterhoff deuten sich solche Strukturen wieder an, wenn auch in abgeschwächter Form.

Einen Vortrag vor 4000 ErzieherInnen im Kongresszentrum in Düsseldorf Anfang August 2021 hat Winterhoff erstmal abgesagt.


Die Empathie scheint bei der Erziehung generell und der Betreuung von auffälligen Kindern keine Selbstverständlichkeit zu sein. Ansonsten hätte das System Winterhoff keine Chance gehabt.


Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. alrsl

    Heute habe ich mal wieder im Netz nach unserem Medienstar mit schlechtem Image gesucht. Der WDR berichtet, dass er schon am 10.12.2021 seine Bonner Praxis geschlossen haben soll, nach eigenem Bekunden aus Altersgründen. Immerhin hat die vom WDR initiierte Kampagne zu etwas geführt. Es sei nun zahlreiche Anzeigen gegen ihn erstattet worden. Einen Siegburger Anwalt berichtet, dass sich bei ihm mehr als 100 Personen gemeldet hätten. Auch er hat Anzeige erstattet. Man darf gespannt sein, welche weiteren Konsequenzen das für den Protagonisten einer schwarzen Pädagogik noch haben wird.

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