Einleitung
Neulich im Nachbarschaftsheim, da ging es unter der Leitung von Prof. Dr. Griewatz wieder um Philosophie für alle. Ich war trotz einer chaotischen Verkehrsführung am Platz der Republik etwas zu früh da. Die bereits anwesende S. begrüßte mich freundlich „Na wie geht es dir, wie ist dein Befinden?“ Doch ich war zunächst etwas verwirrt, was sollte ich denn antworten? Sehr gut wäre bei einem Skeptiker wie mir definitiv unangebracht, allerdings wäre schlecht rein objektiv auch nicht richtig. Ganz gut so, das wäre für mich richtig. Zumeist ist die Frage ja auch nur eine Floskel: Wie geht’s -’s geht. Ca va – ca va. How’d you do – How’d you do. Die Frage impliziert dabei keine individuelle Antwort, nämlich auf die ehrliche Frage nach dem Wohlbefinden des Gegenübers. Schon war das Thema für die aktuelle Gesprächsrunde gegeben. Philosophieren für alle: Was bedeutet eigentlich Wohlbefinden?
Ich will den Gesprächsverlauf hier nicht genau wiederholen. Prof. Dr. Griewatz hat ja eine Zusammenfassung geschrieben. Deren Kernaussage lautet, dass Wohlbefinden zunächst Folge einer individuellen ästhetischen Erfahrung sei. Das klingt erst einmal ziemlich theoretisch.
Meine ästhetischen Erfahrungen
Sie sind bei mir manchmal geeignet zum Auslösen von Wohlbefinden:
- Eine Szene in der belebten Natur
- Blumen
- Schöne Pflanzen
- Besondere Architektur
- Wetterphänomene
- Sonne-Wolken-Meer
- Symmetrien allgemein
- Ein musikalischer Klang
- Singen
- Besondere Musiktitel (Erinnerungen)
- Bewegen zu Musik, Tanzen
- Dingliche Erinnerungen aus der Kindheit
- Basteln als Synonym für das Gestalten
- Betrachten von Kunstwerken
- Betrachten von Bildern
- Gefühl der Verbundenheit zu anderen
- Körperlichkeit, Berühren
- Zuhause, Sicherheit, Ruhe
- Familie
- Genüsse, Essen, Trinken
- Besondere Vorlieben
- Tiere, Haustiere
- Kleidung
- Gegenstände (Auto)
- Drogen
- Klicks
- Religion
Wichtig ist, dass diese ästhetischen Erfahrungen in hohem Maße individuell sind. Manche wirken fast bei jedem, andere jedoch lösen nur bei manchen Menschen Wohlbefinden, oder auch Glücksgefühle aus. Es ist urmenschlich und vernünftig, solche Auslöser für Glücksgefühle zu suchen, solange sie nicht krank machen oder Suchtcharakter haben. Und noch weiter: Sind nicht solche ästhetischen Erfahrungen Grundlage für große Dinge und den Fortschritt überhaupt? Eine Begeisterung, stärker formuliert Obsession gehört dazu, wenn außergewöhnliche Leistungen erbracht werden, sei es im Privatleben, im Beruf, in der Kunst oder in der Menschheitsgeschichte. Wer nichts empfindet, der wird sich dabei nicht wohlfühlen können und auch keine besonderen Leistungen vollbringen.
Objektiv gute Bedingungen für das Erleben von Wohlbefinden
- Fehlende materielle Not
- Reichtum
- Sichere Lebensbedingungen
- Vollständige Gesundheit
- Ideale soziale Umgebung
- Hohes Bildungsniveau
- Berufliche Erfüllung
Eine wesentliche Erkenntnis aus dem letzten philosophierenden Gespräch war, dass obige objektiv guten Bedingungen nicht zwingend für ein Gefühl des Wohlbefindens erforderlich sind. Meine medizinischen Beispiele sind die angenehme Situation auf einer Palliativstation, oder Einsatz der Ästhetik bei Demenzkranken. Somit scheinen Shifting baselines auch für die Erfahrung von Wohlbefinden selbstverständlich zu sein. Philosophieren für alle: Was bedeutet Wohlbefinden? Die Suche nach Wohlbefinden könnte tatsächlich ein Motor des menschlichen Lebens sein. Und fast paradox: Es gibt Glücksgefühle im Unglück.
