So kann das nicht weitergehen, dachte ich. Beim Doomscrolling immer nur fiese Nachrichten, Trump mit seinem selbstgemachten Krieg ist voll gaga. So eine personality show, völlig daneben, Beispiel der Gladiatorenkampf zu seinem Geburtstag. Die AfD nimmt bei der Sonntagsfrage in Relation zur CDU weiter zu, unbeschadet der Nazi-Nähe. Ich sehe immer mehr PKW mit dem Nazi-Akronym 8888 im Kennzeichen um mich herum. Könnte nicht Peter Sloterdijk mit seinem neuen Büchlein „Der Fürst und seine Erben“ zur Erhellung beitragen? Immerhin ist er nach dem Tod von Jürgen Habermas im März 2026 der gegenwärtig einzige wirklich prominente deutsche Philosoph. Wenn der sich politisch äußert, dann muss das zumindest interessant sein.
Gesagt, getan, schnell den Spiegel-Bestseller über die örtliche Buchhandlung bestellt, gleich noch das aktuelle Kursbuch 226 von Nassehi dazu. Mal wieder etwas für den Kopf tun. Ich kann mich ja nicht immer nur mit meinen potenziellen Krankheiten oder den Lebenssituationen Anderer (hic der Familie) beschäftigen. Das Büchlein hat ein AI-generiertes Titelbild mit Trump in einer historischen Fürstenpose. Allein das Titelbild impliziert das Politische im Buch, es ist bestimmt nicht nur eine Karikatur.
Um vorab etwas klarzustellen, ich schreibe hier keine Rezension darüber, denn dafür fehlt mir jegliche Qualifikation. Auch gibt es die im Netz schon zuhauf, und zumeist positiv. Hier ein Beispiel einer Rezension mit viel Text. Auf der Seite des Suhrkamp-Verlages natürlich auch. Zunächst wundere ich mich etwas, denn selbst Merkur, Welt und NZZ rezensieren positiv, obwohl Sloterdijk die faschistischen Strukturen dahinter klar benennt. Vielleicht leuchten bei diesen Rezensenten heimlich die Augen, weil Sloterdijk deren Lieblingsmotiv mit Bezug zu Machiavelli aufgreift. Potere essere non buono – gemeint ist, dass der jeweilige Fürst, der an der Spitze steht, nicht immer gut sein könne und dürfe. Er sei schließlich eine Art Inkarnation, er handele in höherem Auftrag für ein größeres Ganzes, und sei es auch nur seine eigene Macht. Höcke findet diesen Gedanken schon lange super.
Machiavellis „Il Principe“ scheint mit obigem Kernsatz den üblichen Verdächtigen wie Trump, Putin, Xi und Erdogan, geschichtlich gesehen Lenin, Stalin, Mao, Hitler, Pol Pot u. v. a. eine Art Handlungsanleitung (gewesen) zu sein. Wobei mir nicht klar ist, ob es sich bei dem Büchlein von 1513 nicht doch bloß um ein historisches Sittengemälde aus Florenz handelt. Denn die meisten der Fürsten der damaligen Zeit hielten nur wenige Jahre durch, bis sie ermordet wurden.
Ein weiterer Gedanke von Sloterdijk scheint mir bemerkenswert, nämlich die Hypothese von den drei großen Sündenfällen des Menschen. Der erste wird symbolisch als die Vertreibung aus dem Paradies beschrieben. Der zweite Sündenfall sei der Sturz in den Staat, gekennzeichnet durch die Ausbildung von wenig plausiblen vertikalen Machtstrukturen, Aristokratie, Fürsten, Könige, Kirche, Sünde und Steuern als Merkmale. Und der Dritte besteht seit dem Übergang der Macht auf den Einzelnen, jeder sei ein kleiner Fürst, ein kleiner Souverän, was dem Ideal einer Demokratie entspricht. Zusatz: Die AI hat bei der Frage der Erläuterung der drei Sündenfälle bei Sloterdijk wie wild paraphrasiert. Leider. Hier steht es besser erklärt.
Sloterdijk scheint den Begriff der Vertikalität in der Gesellschaft zu mögen. Der kommt bei ihm immer wieder vor. Er meint damit die vertikalen Machtstrukturen, an deren Spitze sich immer wieder bestimmte Menschen drängen. Es handelt sie hier um sozial besonders dafür begabte Persönlichkeiten, die ausreichend extrovertiert, skrupellos, machtsüchtig und vernetzt sein müssen. Glückliche Umstände gehören allerdings auch dazu. Weniger bis überhaupt nicht sind dafür Ehrlichkeit, Bildung, Qualifikation, Empathie und gefühlte soziale Verantwortung nötig. So nennt Sloterdijk beispielsweise Trump einen Fast-Analphabeten.
Wir stehen heute an der Stelle, an der sich viele aus dieser Gleichverantwortlichkeit lösen wollen, die ja ein Merkmal der frühen Demokratie ist. Denn alle würden dann zum Wohle aller in die gleiche Richtung denken, was aber wohl eine Utopie zu sein scheint. Als ob es eine Sehnsucht nach einem König oder Kaiser gäbe! Es gibt ihn anscheinend, den unverschämt offen geäußerten Wunsch nach einem Rückfall in alte Machtstrukturen! Dann wäre man selbst von aller Verantwortung frei. Genau wie damals in der postrevolutionären Zeit in Frankreich. Napoleon und die nachfolgenden Machthaber hätte es niemals geben dürfen. Sie wurden ja teilweise sogar vom Volk gewählt!
Sloterdijk: „Wer in dieser Lage (der gegenwärtigen) radikal rechts wählt, dankt nicht nur als Bürger ab, sondern versetzt dem Ganzen des Gemeinwesens, als ob es Dreck wäre, einen Tritt.“ Das ist Klartext gegen die AfD.
Der Fürst und seine Erben bei Sloterdijk, der Untertitel lautet: Übergroße Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute. Hier werden die gegenwärtigen Entwicklungen um die Autokraten in geschichtlichen Kontext gestellt. Also keine Angst vor dem Buch. Es handelt sich nicht (nur) um elitäre unverständliche Philosophie, sondern – ich vermute in Tradition der Frankfurter Schule – um politisches Räsonieren einfach in großen Zusammenhängen. Dabei werden aktuelle Entwicklungen in der Regel verständlich erläutert. Ein gutes Buch!
Nachtrag:
Ich bin am nächsten Tag direkt zur Veranstaltung Philosophie für alle von Hans-Peter Griewatz gegangen, habe mich aufgerafft, trotz der Hitze dahinzugehen. Es war eine gute Veranstaltung, von der Wortwahl her nicht hochgestochen, immerhin so, dass alle der in sozialem Umfeld vorgebildeten Anwesenden folgen konnten. Und ich habe mir danach zwei E-Books für Tolino bei Thalia zum Thema Philosophie gekauft. Aber jetzt lese ich erst einmal das Kursbuch 226 von Nassehi. Dann vielleicht das vorletzte Buch von Sloterdijk zu Europa, dem Kontinent ohne Eigenschaften. Klingt spannend, der Titel!
