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Individuelle relexive Werte

Persönlichkeitstest – Individuelle reflexive Werte

Ist der Persönlichkeitstyp messbar?

Bei soziologischen oder psychologischen Fragebögen, gerade auch im Rahmen von Persönlichkeitstests wie „Individuelle reflexive Werte“, besteht häufig das Problem, dass sie der Allgemeinheit nicht zugänglich sind. Sie sind oft hinter einer Paywall versteckt. Somit sind leider auch die Publikationen, die sie verwenden, nur etwas für Spezialisten. Denn nur die haben ja über ihre eigene Institution Zugang. Open Access als generelles Prinzip auch für Persönlichkeitstests wäre besser.

Es besteht somit bei der Persönlichkeitsforschung die Gefahr, dass sie zu einer Geheimwissenschaft wird. Über die Website der GESIS sind nun einige Messinstrumente frei zugänglich. Hier der DOI-Link zu Dokumentation, Fragebogen und Einordnung.

Obiger Fragebogen ermittelt die „Individuellen reflexiven Werte“ einer Person. 34 Items werden 9 Faktoren zugeordnet (nach D. Herrmann 2004). Dabei ist er an Bevölkerungsgruppen in Heidelberg und Freiburg validiert. Über GESIS wird er tatsächlich öffentlich zugänglich gemacht. Dabei unterteilte Hermann das Konstrukt in neun übergeordnete Faktoren, also Wertegruppen: „

FaktorGruppenbezeichnung
HOHedonistische Orientierung
KKKonservativer Konformismus
NLNormorientierte Leistungsethik
ÖAÖkologisch-alternative Orientierung
PTPolitisch tolerante Orientierung
ROReligiöse Orientierung
SASozialer Altruismus
SISozialintegrative Orientierung
SMSubkulturell-materialistische Orientierung
Wertegruppen (Faktoren) bei „Individuelle reflexive Werte“

Nachfolgend finden sich 34 Items, die als visuelle Analogskalen zur Selbsteinschätzung präsentiert werden. Die Skalenwerte reichen von 1 bis 7, für trifft eher nicht zu bis trifft voll zu. Die Items 1-24 basieren auf der Forschung von Klages. Die Items 25 bis 34 erfassen kriminologisch bzw. subkulturell interessante Aspekte. Sie wurden aber später erst hinzugefügt, u. a. von D. Herrmann. Ich nenne sie hier nur, damit der geneigte Leser einen ersten Eindruck von einem derartigen Test erhält:

FaktorItemAussage für Skalenwert Wert
1-7
HD FR
NL1Gesetz und Ordnung respektieren5,75,5
SM2Einen hohen Lebensstandard haben4,64,0
SM3Macht und Einfluss haben3,13,1
SA4Seine eigene Phantasie und Kreativität
entwickeln
5,75,7
NL5Nach Sicherheit streben5,45,3
SA6Sozial benachteiligten Gruppen helfen4,74,6
SM7Sich und seine Bedürfnisse gegen andere
durchsetzen
3,93,9
NL8Fleißig und ehrgeizig sein4,84,7
PT9Auch solche Meinungen anerkennen,
denen man eigentlich nicht zustimmen kann
4,64,7
PT10Sich politisch engagieren3,53,5
HO11Die guten Dinge des Lebens genießen5,55,5
PT12Eigenverantwortlich leben und handeln6,26,2
KK13Das tun, was andere auch tun2,02,0
KK14Am Althergebrachten festhalten2,72,6
15Ein gutes Familienleben führen6,05,9
16Stolz sein auf die deutsche Geschichte2,92,6
SI17Einen Partner haben, dem man vertrauen kann6,66,6
SI18Gute Freunde haben, die einen anerkennen
und akzeptieren
6,46,4
SI19Viele Kontakte zu anderen Menschen haben5,45,3
ÖA20Gesundheitsbewusst leben5,45,4
ÖA21Sich bei seinen Entscheidungen von
seinen Gefühlen leiten lassen
4,74,7
ÖA22Von anderen Menschen unabhängig sein5,65,5
ÖA23Sich umweltbewusst verhalten5,65,6
RO24An Gott glauben4,03,9
25Ein gutes Gewissen haben5,95,9
RO26Mein Leben nach christlichen Normen
und Werten ausrichten
3,73,7
27So zu leben, dass der Mitmensch nicht
geschädigt wird
6,26,2
HO28Ein aufregendes Leben führen3,83,8
HO29Ein bequemes, komfortables und
behagliches Leben führen
4,24,2
HO30Ein Leben mit viel Vergnügen4,44,4
ÖA31Innere Ruhe und Harmonie6,16,1
SM32Hart und zäh sein3,53,5
SM33Schnell Erfolg haben3,43,4
SM34Clever und gerissener zu sein als andere2,82,8
Fragebogen Individuelle reflexive Werte
Vergleich zu historischen Befragungen in Heidelberg und Freiburg


Jetzt schon historische Ergebnisse von 2001 können Sie bei GESIS nach kostenfreier Anmeldung in der Dokumentation des Tests finden. Wie verhalten sich meine Angaben zu den Ergebnissen in Heidelberg oder Freiburg 2001? Wer bin ich eigentlich? Wo bin ich anders als die meisten? Siehe auch die Spalten HD und FR in obiger Tabelle. Es ist klar, dass ein typischer Fragebogen die Spalten HD und FR nicht beinhalten darf. Sie würden das Ergebnis verfälschen.


Was sind Werte? Ich denke, dass jeder sie hat, diese persönlichen Werte. Auch wenn er/sie sich ihrer nicht bewusst ist. Werte sind vermutlich innere ethische Zielvorgaben. Sie haben sich in Familie und Peer Group entwickelt. Ein Teil ist sicher auch gesellschaftliche Norm. Für mich bleibt allerdings die Frage, ob sie im Individuum tatsächlich real sind und konstant bleiben im Laufe des Lebens. Es ist somit möglich, dass es sich bei den Ergebnissen um gerade aktuelle persönliche Illusionen handelt.

Wir haben ja nicht mit typischen Realsituationen überprüft, wie sich die betreffende Person wirklich verhält. Also unter Stress. Sondern wir haben sie nur unter Ruhebedingungen getestet. Wie sie meint, sich zu verhalten. Ich erinnere an den Film „Das Experiment“ von 2001. Unter Stressbedingungen entgleitet hier eine nur als Versuch gedachte Situation mit „Wärtern“ und „Häftlingen“ völlig. Übrigens, Dreharbeiten erfolgten in der Bibliothek der Bergischen Universität in Wuppertal.

Oder denken wir an das Verhalten der Deutschen im Dritten Reich. Da wurden einige Prämissen verändert, und schließlich gemordet und ein Krieg mit Millionen von Opfern vom Zaun gebrochen. Lebensunwertes Leben sollte es auf einmal geben, Recht sei, was dem Volk nütze. Die Juden seien an allem schuld. Und so weiter! Die Mehrzahl der Deutschen hat dabei vermutlich mit ihren eigenen persönlichen Werten gebrochen.

Ich selbst meinte immer, ein Pazifist zu sein. Aber nicht wirklich plötzlich finden wir uns alle in einem gefährlichen Krieg zwischen Russland gegen die Ukraine wieder. Und ich beschäftige mich auf einmal mit Waffensystemen. Mit Tötungsmaschinen also. Meine persönlichen Wertebilder geraten ins Wanken.


Wozu sind Persönlichkeitstests wie der 16personalities-Test also gut? Dienen sie vielleicht nur dem Einsortieren von Menschen? Sind sie nur Personaler sinnvoll? Oder soll oben und unten logisch begründet werden? Geht es im Stillen vielleicht doch wieder um unwertes Leben?

Der berühmte Persönlichkeitsforscher Raymond Cattell favorisierte zeitweilig Ideen des Nationalsozialismus. Er meinte, dass vielleicht ein gewisser Anteil der Bevölkerung minderwertig, und deswegen die Eugenik sinnvoll sei. Hier sein Vermächtnis als Offener Brief an die APA, in dem er sich versucht zu verteidigen.


Persönlichkeitstests hin und her: Der Erhalt der Menschenfreundlichkeit ist eine lebenslange Aufgabe für uns. Die soeben im Test gefundenen Eigenschaften dürften wenig beständig sein, wenn es wirklich darauf ankommt.

Auch der jetzige Beitrag beschäftigte sich mit dem Thema „Wer bin ich?“ Hier ist mein erster Beitrag zum Thema „Werte“ zu finden: Es begann alles im Museum Kraftwerk Ermen&Engels.

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