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Kirche in Atzbach - Innenansicht

Jubiläum in der Kirche in Atzbach

Vorige Woche waren wir mehrere Tage unterwegs mit dem Ziel diamantene Konfirmation als Jubiläum in der Kirche in Atzbach gefeiert. Vor zehn Jahren fand hier meine erste Jubiläumskonfirmation statt. Meine eigentliche Konfirmation war vor nun 60 Jahren. So alt bin ich schon! Zur Erinnerung: Konfirmiert, also in die evangelische Gemeinde formal aufgenommen, wurde man nach 2-Jähriger wöchentlicher „Konfirmandenstunde“, also spezieller Religionsschule durch den Pfarrer. Solche Riten gibt es in allen Religionen, würde ich vermuten. Warum nehme ich hier nochmals teil? Ich denke, dass ich hierdurch den gleichen Weg nochmals gehe und spüre, wie es damals war, und was sich geändert hat. Verkürzt ausgedrückt: Wer war ich und wer bin ich?

Das Foto von damals mit Pfarrer Gerlach stammt – mit heutigen Augen gesehen – aus einer komplett anderen Zeit. Wie einheitlich brav die Mädels gekleidet waren! Sich so vor der Kirche ablichten zu lassen! Das dörfliche Ambiente war schon normativ damals. Ach ja, mit der Religion geht es in Deutschland und auch in Atzbach seit Jahrzehnten bergab. Der religiöse Aspekt der Konfirmation spielt auch für mich schon lange nur noch eine geringe Rolle. Aber Freunde von damals wieder zu erleben, und Klassenkameraden zu sehen, Kontakte zu pflegen, das interessiert mich schon.

Auch lebten die Familien meiner Vorfahren schon seit Jahrhunderten in Mittelhessen, und zumindest die letzten Generationen sind dokumentiert religiös gewesen, oft Lehrer oder Pfarrer, häufig auch Laienprediger. Wenn ich mich selbst heute als nichtreligiös oder gar atheistisch bezeichnen würde, so wäre das von der Prägung her bestimmt nicht richtig. Die Gedankenwelt habe ich bestimmt in irgendeiner Form beibehalten, ja verinnerlicht. Zumindest das Wertebild ist noch da.

Hier liegt auch der Unterschied zu den Evangelikalen. Wenn es bei MAGA heute nicht um Empathie oder Altruismus, sondern einzig um persönliche Vorteile geht, und sei es die eigene Seligkeit, so war das in meinem Wertesystem früher nicht so. Damals wie heute allerdings werden in den USA Kriege und antisoziale Handlungen sogar religiös gerechtfertigt. War on empathy findet hier statt. Die Kirche meiner Jugend war definitiv anders orientiert. Empathie im Sinne der Bergpredigt war angesagt. Wie selbst diese in Deutschland unter Beschuss geraten konnte? Richtig verstehen kann ich es nicht. Ist denn unser Wohlstand hier im Wunderland der einzige relevante Wert, den es noch gibt? Achtung, im Calvinismus war der persönliche Reichtum ein Zeichen der Wohlgesonnenheit Gottes, denn Gott belohne ja die Seinen! Und Charity wäre dann nicht Empathie, sie erinnert mich eher an Ablasshandel.

Sei es wie es sei, ein Ausflug in die eigene Geschichte ergibt immer Sinn. Wir verbinden ja gerne einige Aspekte miteinander, wie Verwandtenbesuch und Besichtigungen. Wir haben unseren dreitägigen Kurzurlaub in der Fachwerkstadt Herborn an der Dill begonnen. In meiner Jugend bin ich nie dort gewesen, irgendwie war der Ort verpönt. Vielleicht hing das mit dem großen psychiatrischen Landeskrankenhaus dort zusammen. Wenn man jemanden diffamieren wollte, sagte man in Mittelhessen „Ab nach Herborn!“ Doch kenne ich Personen aus meinem direkten Umfeld, die dort behandelt wurden. Am Sonntag früh fahren wir von Herborn zur evangelischen Kirche in Atzbach, einer klassizistischen Hallenkirche von 1767, der Turm 1899 neu erbaut.

Dort haben sich schon die ersten MitstreiterInnen eingefunden. Alles ist perfekt organisiert. Wir werden in drei Gruppen aufgeteilt, die Gnaden-KonfirmandInnen, die diamantenen und die goldenen Konfirmanden, 70, 60 und 50 Jahre danach. Wir sind die größte Gruppe. Meine jüngere Schwester ist auch anwesend. Sogar der Freund meiner Kindheit ist gekommen, obwohl er nicht einmal konfirmiert wurde. Denn seine Eltern fühlten sich als Flüchtlinge im Dorf ausgegrenzt, sie schlossen sich einer Sekte an, von der sich meint Freund mit 18 Jahren distanziert hat. Ein Freund meiner Jugend ist auch gekommen, ein weiterer weilt diesmal im Ausland. Die anderen Jubilare kann ich zum großen Teil namentlich nur mühsam einordnen, obwohl mir ihre Gesichter noch vertraut sind.

Die Feierlichkeit selbst läuft routiniert ab. Ein evangelischer Gottesdienst mit Einsegnung. Die Orgel spielt, die Kirchenlieder sind für fast alle viel zu hoch intoniert. 5 Ganztöne tiefer wäre gut gewesen. Der Kirchenchor, der die Tonlage geschafft hätte, ist diesmal leider nicht dabei. Dennoch, feierlich klingt das schon.

Anschließend gibt es noch das obligate Gruppenfoto. Mit einigen Verwandten und früheren Bekannten rede ich noch eine Weile, ohne dass dabei wesentliche Resultate entstehen. Ich finde das etwas enttäuschend. Es wirkt so, als ob eine unsichtbare Barriere zwischen uns läge. Natürlich sind unsere Lebenswege ganz anders gewesen. Und ihre Sorgen und Nöte kenne ich beinahe überhaupt nicht.

Es folgt noch ein gemeinsames Mittagessen der Gruppe in einer Gaststätte in Heuchelheim. Da wir lange auf das Essen warten müssen, bleibt genügend Zeit für Gespräche. Die sind teilweise recht persönlich. Der Freund meiner Jugend ist allerdings heute nicht so gesprächig.

Bemerkenswert ist der nachfolgende Besuch bei dem Freund meiner Kindheit und seiner Frau. Bei Kaffee und Kuchen reden wir über ganz alte und neue Zeiten, wir erfahren, dass die Beiden sich auch heute nicht in Atzbach akzeptiert fühlen. Wie schon seine Eltern. Er ist schon lange im Ruhestand, sie vermisst eine sinnvolle Berufstätigkeit. Wir erzählen über unsere Familien, die Kinder und die (Beute-) Enkel. Über das Tanzen und den Tango. Die Häuser und Kurzreisen. Wir vereinbaren, in Kontakt zu bleiben, tauschen Adressen aus.

Um 18 Uhr fahren wir an einem sonnigen Abend vom Jubiläum in der Kirche in Atzbach zufrieden nach Hause. Es gab unglaublich viele Eindrücke. Wie vertraut mit alles noch schien nach fast 50 Jahren. Der hiesige Dialekt ist schließlich meine Muttersprache, genauer gesagt, die Sprache meiner Mutter.

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