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Ohrenbetäubende Stille

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Liebe Leute, nachdem wir uns vorgestern mit Stockhausen und seinen Kompositionen beschäftigt haben, ist mir Vieles klarer geworden. Er war ja ein rastloser Workaholic, der eine große Zahl von Komposition sehr unterschiedlichen Umfangs erstellt hat. Schon 1952 war beim WDR tätig, Sektion elektronische Musik. Sein Studio wird demnächst in einem Museum ausgestellt. Außer dem Zuse-Rechner gab es damals nichts, was auch nur ungefähr dem ähnelt, was wir heute Computer nennen.

Stockhausen hat viele Musiker und ganze Orchester schier in den Wahnsinn getrieben mit der Unspielbarkeit seiner Stücke. Und er hat im Laufe seines Lebens den Musikern sehr unterschiedlich konkrete Anweisungen gegeben. Das reichte vom detailversessenen Stil einer Programmiersprache (Lilipond) bis hin zu nur ungefähren, ja nur noch grafischen Angaben, die fast alles offen lassen.


Und dann noch mal zu John Cage! Dem ebenfalls berühmten Komponisten moderner Musik. Er hat zum Beispiel Organ2/ASLSP abgeliefert. Ursprünglich mit Zufallsoperationen für Klavier verfasst und später für Orgel umgeschrieben, mit einer Aufführungszeit von 29 Minuten. Und dann haben „Fans“ das Ganze in Halberstadt in der Burchardi-Kirche realisiert. Die Aufführungszeit der Komposition wurde auf 639 Jahre hochgerechnet, um einen historischen Bezug zu der fast 1000 Jahre alten Kirche herzustellen. Cage vertrat ein Konzept der De-Komposition, in dem der Zufall und sogar die Stille einen wichtigen Stellenwert haben.

Ein Meilenstein war auch 1952 die Uraufführung seines Stückes 4’33“. Die einzige Spielanweisung an den berühmten Pianisten war „Tacet“, also „Stille“ oder „Pause“. Die Länge der drei Sätze wurden vom Akteur vorher ausgewürfelt. Diese gut vier Minuten Stille hätten in den Ohren des fachkundigen Publikums mit einem Donnerhall nachgeklungen, formuliert der Reporter des SWR.


Was sollen wir dazu sagen? Nun, wir unterliegen ja heute einem akustischen Overkill. In der Zeit vor Corona hetzten wir von Termin zu Termin, konnten keine Ruhe fanden. Selbst die Freizeit war strikt durchgeplant. An vielen Stellen waren wir mit Musikberieselung versehen. Genau wie die sogenannte „Lichtverschmutzung“ gibt es eine akustische Umweltverschmutzung. Extrem gegenläufig dazu sind die Projekte der berühmten Komponisten. Wie Aktionskunst.


Stille aushalten, das ist für uns sehr ungewohnt. Man hört dann plötzlich den Herzschlag, die eigene Atmung, knackende Gelenke, den unterschwelligen 50 Hertz-Brummton der Umwälzpumpe, die Transformatoren der Halogenlampen, das Ticken der mechanischen Wanduhr, den Synchronmotor der Zeitschaltuhr, den Kompressor des Kühlschrankes, Geräusche aus dem Nachbarhaus, den Wind, die Regentropfen, die mehrere Kilometer entfernte Autobahn, ein einzelnes Flugzeug am Himmel, die piependen Vögel und ein Gespräch draußen, obwohl die Fenster geschlossen sind. Der Kühlventilator des Laptops ist nun auch zu hören. Und last-not-least höre ich den eigenen Tinnitus, der ein Wahrnehmungsphänomen ist. Wenn im Raum ein Geräuschniveau von 10 dB herrscht, dann ist selbst der Tinnitus ohrenbetäubend laut.

In der Burchardi-Kirche fühlt man – so denke ich – die Zeitlosigkeit, ein Stück der Ewigkeit. Und die Stille ist ein Teil davon. Deswegen die Faszination.

Merke: Stille kann sehr laut sein!

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