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60.000 Euro deklariertes Sponsorship des Remscheider Ärztetages 2022

Ist ärztliche Fortbildung unabhängig?

Oder besser gleich CME durch Influencer?

Ärztliche Fortbildung soll doch unabhängig sein. Oder etwa nicht? Ich hege immer noch die Idealvorstellung, dass hier nur Dinge verkündet werden, die allgemein anerkannt sind, also per Evidence based medicine abgesichert. Und wenn dann mal persönliche geprägte Meinungen eines Referenten verkündet werden, dann wird er/sie sie doch hoffentlich als solche kennzeichnen. Das wäre schön. So habe ich es jedenfalls praktiziert.

Es gibt schließlich als Beispiele für EBM das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin, ein Ärzliches Zentrum für Qualität in der Medizin, die Cochrane Library und die Leitlinien bei AWMF. In Deutschland fällt meine Wahl gerne auf das Urgestein der Therapiekritik, das Arznei-Telegramm. Es gibt also ausreichend fundierte Informationen, die weitgehend unabhängig sein dürften.

Die aktuelle Berufsordnung für Ärzte in NRW liest sich in den entsprechenden Abschnitten heute (2020) total aufgeweicht. Sponsoring ist bei Fortbildungveranstaltungen erlaubt, sofern es angemessen ist. Aber wer legt fest, was angemessen ist?

Die Gruppe MEZIS (Mein Essen zahl‘ ich selbst) hat sich die Verfolgung der Interessenverquickung auf die Fahne geschrieben. Ein Beispiel ist die verweigerte Zertifizierung einer Veranstaltung der Firma Omniamed in BW 2018. In den letzten Monaten ist aber bei MEZIS nichts mehr geschehen. Wie kommt das?


Mehr als 60.000 Euro Einnahmen durch deklariertes Sponsorship für eine Tagesveranstaltung mit lokaler Bedeutung sind für den Ärztetag 2022 in Remscheid bisher zusammengekommen. Die CME-Zertifizierung der Veranstaltung mit 9 Punkten ist geplant. Die Interessenkonflikte des wissenschaftlichen Leiters werden nicht – so wie man die aktuelle Fortbildungsordnung interpretieren könnte – direkt offengelegt. Das geschehe nur auf Anfrage, so steht im Web geschrieben. Soll ich ihn mal anschreiben?

Ich fürchte, ich muss den hoffnungsvollen Gedanken der Unabhängigkeit der ärztlichen Fortbildung hinter mir lassen. Schon bei den Beiträgen „Opiate Crisis“ und „Keine Opiatkrise in Deutschland?“ habe ich meine großen Zweifel daran geäußert. Sollte denn heute ärztliche Fortbildung mehr und mehr zum Marketing zu verkommen? Die lange Sponsorenliste der obigen Veranstaltung erweckt jedenfalls den Eindruck. Unabhängigkeit? Neutralität? Patienteninteresse? Wie soll das so funktionieren?

Die Einladung durch einen Hersteller von Interferon auf das Schiff Queen Elisabeth II, oder im Rahmen der Produkteinführung von Prucaloprid eine Flugreise nach Barcelona zu einem Kongress samt Hotelunterkunft und Bewirtung – das soll neutrale Sicht auf die Dinge ermöglichen? Die Manipulation der Meinungsbildner selbst (ich gehörte wohl nicht dazu.) dürfte noch viel umfassender gewesen sein.

So von al erlebt!

Ich vermute, dass es beim Stand der Dinge folgerichtig wäre, die ärztliche CME-Fortbildung auf Instagram- oder YouTube-Kanäle zu verlagern und sogenannte Influencer einzubinden.
Das wäre wenigstens komplett ehrlich und modern.
Jeder wüsste dann sofort, was Sache wäre.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. alrsl

    Nochmal zum Thema vertrauenswürdige medizinische Information im Internet: Nicht einmal die Website der Ärztekammer Nordrhein besitzt ein aktuelles Zertifikat von HONcode Health on the Net, einer altehrwürdigen gemeinnützigen Einrichtung mit Sitz in der Schweiz. Auch das „Zertifikat“ der mir unbekannten Einrichtung MediSuch ist zuletzt 2015 aktualisiert worden, die Website der dahinter stehenden IQTG ist seit 2015 nicht mehr aktualisiert worden. Somit ist es wertlos.
    Es bleibt festzuhalten, dass das Thema Unabhängigkeit medizinischer Informationen selbst bei der Ärztekammer Nordrhein keine Priorität besitzt. Das hätte ich nicht vermutet. Wenigstens den Schein könnte man wahren.

  2. alrsl

    Heute waren Handwerker da. Ich hatte dadurch Zeit. So quasi nebenbei konnte ich drei CME-Fortbildungen zu 3 Punkten = 9 Punkte innerhalb von etwa drei Stunden absolvieren. Im Internisten werden sogar die Interessenkonflikte offengelegt. Meine Wahl ist getroffen. Ich gehe nicht freiwillig zur Manipulation.

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