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Plinius zum Wattenmeer 50 n. Chr., gesehen im Nationalpark-Museum

Fedderwardersiel – Butjadingen

Urlaub nahe an der Natur

Es ist Urlaubszeit. Der Deutsche verspürt die innere Pflicht, seinen Wohnort zu verlassen, sich in Urlaub begeben zu müssen. Dazu nimmt er lange Flüge, desorganisierte Flughäfen, Mega-Staus, hohe Kosten und Stress auf sich. Der Deutsche vollstreckt den Urlaub, wie der Kabarettist Gerhard Polt sagte. Es besteht offensichtlich die Pflicht dazu. Urlaub trotz Krieg und Klimakrise.

Wir hatten allerdings eigentlich keine Lust dazu, obwohl TUI uns mit Superschnäppchen ködern möchte. Die Kanaren haben wir schon so oft gesehen. Was soll da noch besser werden? Und dazu noch das Corona-Gedöhne. Die ewige Diskussion um Masken oder Impfung sind wir definitiv leid. Dann der tägliche Horror mit dem Ukraine -Krieg. Die Energiekrise mit täglich neuen Katastrophen-Meldungen. Verarmungsängste keimen auf, ob berechtigt oder nicht. Im persönlichen Umfeld gibt es neue ernsthafte Krankheitsfälle.

Der Gedanke, das alles, was uns herunterzieht, mal hinter sich zu lassen und in einen Kurzurlaub aufzubrechen, gewinnt an Stärke. Der einfachste Weg, das Meer zu erreichen, wird gesucht. Dabei kommen wir auf Budjadingen. Die A1 fast nur nach Norden, etwas A29 und wenig Landstraße, so ist der Weg dahin. Booking nennt tatsächlich noch freie Hotelzimmer. Staus lägen auch selten vor auf dem Weg dahin. Gedacht, gesagt, getan.

Wo liegt das denn, dieses Butjadingen eigentlich? Wir wussten es auch nicht. Der Tipp kam von meinem Sohn. Aber auch mein Bruder kennt die Region, da er dort mehrere Familienurlaube verbracht hat. Die Region liegt mitten im Jadebusen, sozusagen zwischen Wilhelmshaven und Bremerhaven. Hier hat man direkten Zugang zu dem enorm weitläufigen Wattenmeer. Das ist Weltnaturerbe, versteht sich.

Salzwiesen

Die Halbinsel liegt in weiten Bereichen unter dem Meeresniveau. Sie ist durch große Deiche gegen das Meer begrenzt. Soweit das Auge schaut, sieht man an Land Wiesen, die durch Gräben begrenzt sind und meist mit Sielen in Verbindung stehen. An mehreren Stellen gibt es Ventile dieser Siele zum Meer, durch die Deiche hindurch. An der Weser gibt es auch Schöpfanlagen, praktisch zur Sicherheit.

Hafen Fedderwardersiel

Ich bin der Meinung, über Booking wohl das allerletzte Hotelzimmer dort gebucht zu haben. Ein paar Mängel hatte es, klar. Aber für vier Nächte war es bequem und ausreichend. Und der Hafen Fedderwardersiel war nicht weit entfernt. Das ist ein netter Ort, mehrere Gaststätten und ein Museum laden hier zum Verweilen ein. Erst recht bei der schönen Abendsonne. Auch das gut gemachte lokale Museum haben wir besucht. Hier geht es um die Geschichte des Ortes und natürlich um das Wattenmeer.

Deichschafe

Das ist ein Ort, wo man in aller Ruhe seine Zeit verbringen kann. Die weitläufigen Campingplätze sind nicht wirklich voll belegt. Alles wirkt hier ruhig. Hier fahren oft nicht gerade schlanke Rentner zu schnell mit ihren E-Bikes von Ort zu Ort. Auf den Deichen weiden unzählige Schafe. Wenn sie nicht gerade ziemlich trockenes Gras fressen, dann liegen sie wiederkäuend in der Sonne, oder schlafen einfach mal ein Stück. Bei den blonden Kühen mit ihren Kälbern hier ist es nicht anders.

Bei unserem ersten Blickkontakt zum Meer wirkte es so, als ob es sich völlig zurückgezogen hätte. Niedrigwasser nennt man das. Soweit das Auge schaut, sieht man auf braune Matsche. Ganz in der Ferne ein großes Containerschiff für Bremerhaven, als ob es über Land fahren würde. Die Möwen machen dazu ordentlich Lärm, warum, das ist nicht erkennbar. Das Wechselspiel der Gezeiten hat schon Plinius den Älteren um 50 n. Chr. fasziniert. Die Gezeiten haben ihre eigenen Regeln.

Brücke über Salzwiesen

Direkt am Hafen beginnt der Natur-Erlebnisweg Langwarder Groden. Der musste als Ausgleichsmaßnahme für den neuen JadeWeserPort in Wilhelmshaven renaturiert werden. Das bedeutete eine 900 m lange Öffnung des vorgelagerten Sommerdeichs. Somit konnte wieder Wattenmeer zwischen den beiden Deichen bilden mit Salzwiesen, Sielen und kleineren Seen. Das hat große Auswirkungen auf die Zusammensetzung von Flora und Fauna. Die Natur ist hier geschützt und ein Stück weit sich selbst überlassen.

Es versteht sich von selbst, dass die Maßnahme vor 10 Jahren mit Kritik begleitet war. Heute ist dieser Küstenabschnitt eine lokale Besonderheit des Wattenmeeres. Der Naturpfad führt direkt durch Salzwiesen entlang des eigentlichen Küstenstreifens. Eine besondere Vegetation gibt es hier, beispielsweise mit Queller und Seegras, den ersten Pionierpflanzen.

Rotschenkel sichtet sein Revier

Besondere Vögel gibt es hier zu sehen. Der Rotschenkel beobachtet sein Revier von Pfählen aus. Gestört fliegt er mit lautem Rufen auf. Auch die Feldlerche fliegt hoch hinauf, sie möchte uns wie der Rotschenkel von ihrem Nest in der Wiese ablenken. Auf der kleinen Sandbank am Eingang zum kreisförmigen Brückenpfad über die Salzwiesen sehen eine kräftige gefleckte Robbe, offensichtlich mit ihrem Kind. Auf dem Rückweg ist Hochwasser. Da müssen wir barfuß durch das Wasser waten.

Robben

Hinter dem Sommerdeich sieht man in die Weite von ausgedehnten Salzwiesen mit gemischter Vegetation. In der Ferne ist das Wattenmeer zu erkennen. Man sieht auch etliche Möwen. Das war es. Ruhe. Schlafende Schafe. Stress sieht anders aus. Ein Fernglas wäre gut gewesen, um die Vögel besser beobachten zu können. Aber was soll’s.

In den vier Tagen sind wir die Strecke zweimal gegangen. Ach, wer möchte, kann am Ende des Weges über den Deich zum Melkhus gehen. Dort steht ein Gartenhaus, in dem per Selbstbedienung Milchprodukte wie Fruchtquark oder Eis sowie Kaffee angeboten werden. Das Melkhus gehört zu einer Deichschäferei. Auch hier herrscht Entspannung pur.

Butjenter Pannfisch

Als Gastronomie haben wir das Restaurant Dat Havenhuus genutzt. Hier stimmt alles. Lokale Speisen draußen in der Abendsonne genossen. Dazu ein Pils oder einen Wein. Hinterher einen Butjenter Wumken auf die deftige Mahlzeit. Das ist ein Klarer, mit einem Beifußgewächs aromatisiert. Was will man mehr?

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