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Lilie am Münster in Bonn

Ein kühler und nasser Tag im Mai 2026

Schon ein Blick aus dem Fenster zeigt es: Heute ist ein kühler und nasser Tag im Mai 2026. Die Solaranlage hat bis zum Mittag gerade einmal 4,5 kWh Strom geliefert, Wolken bedecken den Himmel, es regnet leicht. Die beiden Familien aus Chile sind gerade bei Sightseeing in Heidelberg. Ihr Aufenthalt in Deutschland neigt sich schon wieder dem Ende zu. Nachher fahren wir noch zum Tanztee der Senioren nach Schwelm. Es bleibt also genügend Zeit, sich zu besinnen, und einen kleinen Statusbericht auf dem Laptop T490s, einem kompakten, refurbished erworbenen Gerät zu schreiben.

Wann genau die Chilenen hier wieder aufschlagen, ist mir etwas unklar, aber das macht ja nichts. Achtung, obwohl es bereits 18 Jahre nach der Trennung von meiner Ex her sind, ist das Verhältnis zur eigenen früheren Familie immer noch nicht neutral. Ob ich mich irgendwann zu einem Vertrauensverhältnis zu meinen beiden Söhnen aufraffen kann? Ein Bekannter meinte neulich, bei ihm sei das gelungen. Naja, bei mir dauert das noch.

Leider besteht zu den Schwiegereltern aus Chile doch eine gewisse Sprachbarriere. Englisch als gemeinsame Sprache funktioniert hier erstaulicherweise kaum. Die Unterhaltung selbst über schwierige Themen wie Religiosität und den Tod oder Krankheiten erfolgt somit meist über den Google Translator.

„Bist Du religiös?“ oder „Hast Du Angst vor dem Tod?“ lauteten beispielsweise sehr direkte Fragen an mich. Auf die erste Frage habe ich nach weitem Ausholen geantwortet, dass ich wohl kein kämpferischer Atheist oder Agnostiker sei, und habe auf meine Familiengeschichte verwiesen. Meine Herkunftsfamilien sind ja bis ins ausgehende Mittelalter in Mittelhessen zu verfolgen, sie haben lange pietistische Traditionen. Wie sie lehne ich Sektierertum ab. Eine gewisse Religiosität ist bei mir unvermeidlich, vielleicht mehr eine Ethik. Und, Angst vor dem Tod hätte ich keine, vor dem Weg dorthin schon, dem camino, dem Schwächerwerden, der eigenen Krankheit, vielleicht der Demenz. Wer weiß, was einem alles noch zugedacht ist.

Ebenfalls per Translator unterhalten wir uns über unsere Tätigkeiten als Ärzte. Er ist selbständig, ein strukturierter Organisator mit wirtschaftlichen Zielen. Ich war immer angestellt, bereits 6 Jahre im Ruhestand, ja mehr als 10 Jahre Betriebsratsmitglied. Somit konnte ich mich auf meine direkte Tätigkeit konzentrieren. War wirtschaftlich nicht so abhängig.

Mit der Familiengeschichte stagniert es etwas zurzeit. Ich habe mir vorgenommen, etwas mehr Geduld aufzubringen. Immerhin sind ein Cousin aus Hessen und ein weiterer aus Kanada neue Mitglieder bei www.agel-wt.de geworden. Ich muss das Prinzip, dass wir nun bei den Lebenden angekommen sind, offensichtlich noch besser verständlich machen. Denn an diesem Punkt stehen wir bereits. Nur eine Ahnentafel der Verstorbenen zu pflegen, das wäre mir zu wenig.

Ach ja die Politik, die Kriege, die Medien und die Wünsch-dir-was-Bürger, die gehen mir auf die Nerven. 80 Prozent der befragten Deutschen seien unzufrieden mit der derzeitigen Regierung unter Friedrich Merz. Der Wert ist noch schlechter, als derjenige der Ampel zuletzt. Doch auf die Frage nach der eigenen Lebenssituation bezeichnen fast genauso viele diese als gut bis sehr gut. Das finde ich paradox! Ist den eine politische Wahl eine simple Shopping-Tour? Wo bleibt da ein minimales Verstehen der Möglichkeiten und Zwänge der Politiker? Ich befürchte, dass hier selbst von öffentlichen Medien der Unzufriedenheit als dominierender Haltung in der deutschen Gesellschaft der Weg bereitet wird, eine Bühne für Populisten geschaffen wird. Man wählt dann noch ein Nazi-Akronym als Autokennzeichen. Und damit hat man es dem Rest der Deutschen aber echt gezeigt, man fühlt sich gut!

Das Doomscrollen spare ich mir zumeist. Nachrichten werden höchstens einmal am Tag konsumiert. Die Pupse von Trump können mir gestohlen bleiben. Nur keine politischen Kommentare unter irgendwelche Posts ablassen! Ich poste stattdessen Bäume, Landschaften, Gebäude und Blumen bei Mastodon, manchmal auch als WhatsApp-Statusbild. Ich finde das auch politisch, einen Gegenpol zur gegenwärtigen Aufreger-Kultur.

Mehr beschäftigt mich, dass der IMAP-Mailserver von Vodafone anscheinend gestört ist. Der hat irre lange Responsezeiten, als ob eine DOS-Attacke vorläge. Zum Glück funktioniert die Android-App von Vodafone Mail noch richtig gut. Aber einen Mailzugang mit IMAP und SMTP auf dem Laptop zu haben, das wäre schon wünschenswert. Das Mailkonto ist schließlich mein wichtigster offizieller Kommunikationskanal. Trotz der Messenger.

Ich sagte ja schon, heute ist ein kühler und nasser Tag im Mai 2026. Der lädt zum Nachdenken ein, eine Momentaufnahme zu machen: Was beschäftigt mich heute?

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