Es ist schön an der Mosel, das wissen wir bereits vom letzten Urlaub in Bad Bertrich, das am südlichen Ende der Vulkaneifel gelegen ist. Somit schon ganz nahe an der Mosel. Ausflüge von dort haben uns schon hierher gebracht, insbesondere nach Zell. Doch nun haben wir uns für einen Hotspot des Tourismus entschieden. Herbsturlaub in Bernkastel-Kues, mitten im Riesling-Gebiet. Die Fahrstrecke dorthin beträgt 200 km, mit Staus hatten wir gar nicht zu kämpfen. So hatte ich mir das vorgestellt. Anders als der Rhein ist die Mosel aufgestaut durch Schleusen, eine Art Stausee sozusagen. Das sieht ohne Zweifel viel besser aus als ein Trockenfluß mit Rinnsal in der Mitte.
Schon bei der Hotelauswahl war klar, dass wir hier nicht im Niemandsland sind. Die Entscheidung fiel auf ein familiengeführtes Hotel im Zentrum von Kues, nahe der Moselbrücke. Bald nach dem Einchecken gehen wir über die Brücke nach Bernkastel. Hier sind sehr viele Touristen außer uns unterwegs. Kein Wunder, wenn man die riesigen Hotelschiffe an den Anlegestellen sieht, und die vielen Pkw und Busse auf den Parkplätzen vor Bernkastel am Moselufer. Wir gehen geradeaus ins Zentrum mit Marktplatz, Rathaus und weiter auf die Graacher Straße. Hier sind überall pittoreske Fachwerkhäuser zu sehen, die von Menschenmassen bestaunt werden. Das Ambiente erinnert an Monschau oder Herborn, Mosel und Weinberge erzeugen allerdings ein besonderes Feeling.



Wir gehen gemächlich über die Graacher Straße in Richtung des historischen Tores, wo uns vor der Eisdiele „Da Marco“ eine Dame wortreich abfängt. Es handelt sich um eine frühere Kollegin, eine Krankenschwester aus dem Funktionsbereich, die uns zu fünf weiteren Kolleginnen führt, die sich vor der Eisdiele niedergelassen haben. Zu einer Weinschorle entspinnt sich ein lebhafter Dialog. Wir reden über alte Zeiten bei Sana Remscheid und die gegenwärtige Situation dort. Eine Kollegin kenne ich noch vom Beginn meiner Tätigkeit an in Lennep 1985. Ach ja, das ist nun schon sechs Jahre her bei Sana Remscheid. Als Folge dieses emotionsbeladenen Treffens erscheint mir in der folgenden Nacht das Krankenhaus im Traum.


Anschließend gehen wir wieder auseinander, tauschen gute Wünsche aus. Wir folgen danach der Straße noch bis zum Graacher Tor, wo bereits die Weinberge beginnen, und fotografieren dabei die reichlich vorhandenen schönen Motive. Dann gehen wir zurück, denn für 18 Uhr haben wir auf der anderen Seite der Mosel in Kues beim Italiener einen Tisch reserviert. Auf dem Weg dorthin fällt auf, dass inzwischen viel weniger Menschen unterwegs sind, die Straßencafés sind schon geleert. Offensichtlich haben die Touristen die Stadt bereits wieder verlassen, sie mussten z. B. zum Hotelschiff, und die Kurgäste sind zurück in den Reha-Kliniken auf dem Kueser Plateau.


Ein Highlight in Kues ist auf jeden Fall das Cusanusstift. Das ist seit 1458 eine Stiftung des Kardinals und Bischofs von Brixen, Nikolaus von Kues, genannt Cusanus, der aus einer reichen Schifferfamilie in Kues stammte. Deswegen ist sein Wappen ein stilisierter Flusskrebs. Cusanus hätte es als erster Deutscher sogar beinahe bis zum Papst geschafft, wenn er nicht ein paar Tage vorher verstorben wäre. Er ist in Rom bestattet. Seine Bibliothek hatte er schon lange vorher dem Stift vermacht und mit umfangreichem Grundbesitz sowie Weinbergen für die wirtschaftliche Grundlage des Stifts gesorgt. Es handelt sich dabei um eine private, keine kirchliche Stiftung. Auch deswegen hat das Stift die Begehrlichkeiten des Bistums Trier und die Säkularisation unter Napoleon überstanden.
Seit fast 600 Jahren betreibt die Stiftung somit ein Seniorenheim mit heute etwa 60 Wohnplätzen. Die Liegenschaften sind teilweise an das DRK verpachtet, das auch das Weingut und den historischen Weinkeller im Stift betreibt. Mehr als 150 Weine werden hier präsentiert, die größte Weinprobe umfasst 130 Weine und kostet derzeit 35 €. Das war doch zu viel für uns.
Wir empfehlen die Teilnahme an einer Führung durch die öffentlich zugänglichen, klosterähnlichen Teile des Stifts samt historischer Bibliothek und Kapelle. An drei Tagen haben wir ausgesuchte Weine im Außenbereich des Weinkellers genossen. Ich habe den Federweißen, sehr trockenen Riesling und geschmacksintensiven Rotriesling gekostet. Letztere beide natürlich auch erworben. Beim zweiten Mal setzte sich ein sicherlich gut situiertes Paar vom Starnberger See zu uns, das sein jährliches Klassentreffen in Bernkastel-Kues absolvierte. Beide waren recht gesprächig, sodass ein schöner Austausch zustande kam, über die Mosel, den Wein und die Geschichte des Ortes, über den bedeutendsten Sohn des Ortes, Nikolaus Cusanus.


Ein weiterer Walk führt uns zum Kueser Plateau mit mehreren Kliniken, dem Kurpark, weiteren Kureinrichtungen und dem Skywalk oberhalb der Weinberge. Im Kurpark findet sich ein bemerkenswerter Stein- und Nebelgarten für die Lungenkranken. Im Außenbereich des Park-Cafés am Tennisplatz kehren wir ein. Insgesamt ist es hier ruhig und idyllisch. Wir folgen der Dr.‑Marx-Straße bis zum Rosenberg oberhalb der Weinberge, hier biegen wir links ab. Bald erreichen wir den kleinen Skywalk, der uns guten Ausblick zur Mosel und nach Bernkastel-Kues bietet. Durch den Wald gehen wir zum Parkplatz zurück.


Obwohl ich durch eine Unterschenkelverletzung etwas angeschlagen war, sind wir zweimal durch die Weinberge Richtung Graach gewandert und beide Male in der aussichtsreichen Waldschenke „Zur eisernen Weinkarte“ oberhalb der Weinberge und von Graach eingekehrt. Das ist ein idyllischer Ort hier. Beim zweiten Besuch saß ein junger Mann mit uns am Tisch, aus Radebeul stammend. Mit ihm haben wir uns über eine Stunde unterhalten, bis der Regen vorbei war. Auf die Frage, warum so viele Menschen im Osten Deutschlands AfD wählen, meinte er, es handele sich um Protestwähler. Doch Protest, wogegen eigentlich? Diese Frage konnten wir nicht beantworten. Denn Missstände, mangelhafte Infrastruktur und Armut gibt es im Westen auch, gerade in den Ruhrgebietsstädten.
Über die Wanderung zu Maria Zill, einem tollen Aussichtspunkt oberhalb von Graach, genau an der Kante vom Plateau zum Moseltal, berichte ich in einem separaten Post.
Auch dem säkularisierten Zisterzienser-Kloster Machern statten wir einen Besuch ab. Es gibt hier eine Hausbrauerei und zwei Weinhandlungen, zwei Restaurants mit ausgedehnten Außenbereichen, schicke Veranstaltungsräume, sowie einen Klostergarten. Die Kapelle kann leider nicht besichtigt werden. Vom Kloster aus wandern wir genau oberhalb der Weinberge ein kleines Stück weit auf dem Moselsteig in Richtung Ürzig. Dabei hat man einen schönen Ausblick über die Mosel nach Zeltingen und Zeltingen-Rachtig. Ürzig selbst ist durch seine Hanglage („Ürziger Schwarzlay“) ein besonderer Ort, auf dem Heimweg fahren wir hindurch. Sehr sehenswert!
Herbsturlaub in Bernkastel-Kues, mit Riesling, Einkehr und Gesprächen, Wandern und Geschichte. Gastronomie gibt es genügend, und alleine ist man hier bestimmt nicht. Fachwerkhäuser und Weinberge dominieren. Es handelt sich somit um einen schönen Urlaubsort, Urlaub gerade einmal 200 km von zu Hause entfernt, und damit auch vergleichsweise umweltfreundlich.




